Sonntag, 15. Februar 2015

Thomas der Reimer

Theodor Fontanes Verdeutschung der schottischen Ballade »Thomas the Rhymer« steht der Lübbe-Ausgabe von E.R. Eddisons Wurm Ouroboros voran:


Thomas der Reimer

Der Reimer Thomas lag am Bach,
Am Kieselbach bei Huntly Schloß.
Da sah er eine blonde Frau,
Die saß auf einem weißen Roß.

Sie saß auf einem weißen Roß,
Die Mähne war geflochten fein,
Und hell an jeder Flechte hing
Ein silberblankes Glöckelein.

Und Tom der Reimer zog den Hut
Und fiel auf’s Knie, er grüßt und spricht:
»Du bist die Himmelskönigin!
Du bist von dieser Erde nicht!«

Die blonde Frau hält an ihr Roß:
»Ich will dir sagen, wer ich bin;
Ich bin die Himmelsjungfrau nicht,
Ich bin die Elfenkönigin!

»Nimm deine Harf und spiel und sing
Und laß dein bestes Lied erschalln,
Doch wenn du meine Lippe küßt,
Bist du mir sieben Jahr verfalln!«

»Wohl! sieben Jahr, o Königin,
Zu dienen dir, es schreckt mich kaum!«
Er küßte sie, sie küßte ihn,
Ein Vogel sang im Eschenbaum.

»Nun bist du mein, nun zieh mit mir,
Nun bist du mein auf sieben Jahr.«
Sie ritten durch den grünen Wald
Wie glücklich da der Reimer war!

Sie ritten durch den grünen Wald
Bei Vogelsang und Sonnenschein,
Und wenn sie leicht am Zügel zog,
So klangen hell die Glöckelein.


Dienstag, 10. Februar 2015

Portalquesten

»Quo vadis Phantastikportale?«, fragt sich Markus Mäurer von Translate or Die.* Gestern verkündete die Bibliotheka Phantastika – in meinen Augen das wichtigste deutschsprachige Portal für phantastische Literatur (sofern man von Seiten absieht, die auf SF fokussieren) –, dass sie derzeit auf Sparflamme läuft – und dass sich das auch so bald nicht ändern wird. Ähnlich sieht die Lage beim Fantasyguide aus. Heißt das, da zeichnet sich ein Trend ab?

Weiß ich nicht, muss ich sagen. Es gibt noch weitere Portale, vor allem fictionfantasy.de und, thematisch spezialisiert, Dystopische Literatur. Vielleicht geht es denen ähnlich wie BP und FG, vielleicht auch nicht. Mit Phantastikon ist gerade ein neues Portal aus der Taufe gehoben worden. Einen deutlichen Trend gibt es allerdings, wie auch das BP-Restteam feststellt: Bloggen. Schon länger existieren neben den großen Portalen Sites, deren Schwerpunkt ich als Newsblogs beschreiben würde: Darkstars Fantasy-News (seit 2008), Fantasyblogger (seit weiß-nicht-wann), Feenfeuer (seit 2009) und Phantastik-News (seit 2004), um nur einige zu nennen. Da bestand einige Jahre lang eine Art Arbeitsteilung. Die Portale brachten Rezensionen, Bibliographien und Autor_innenporträts oder stellten Diskussionsforen zur Verfügung. Die Newsblogs wiesen auf Neuerscheinungen hin und führten Interviews zu solchen.

Es war aber meines Erachtens nur eine Frage der Zeit, bis sich das ändern würde. Denn alle möglichen Dinge, und nicht nur aktuelle, lassen sich bloggen: Rezensionen, klar, aber auch Meinungen, Rants, persönliche Vorlieben und Netzfunde, aber auch vertiefende Artikel und unfertige Ideen. All das, ohne sich thematisch einschränken zu müssen. Und Diskussionen lassen sich ebenfalls per Blog führen. Insofern wundert mich überhaupt nicht, dass gerade aus dem Umfeld der großen Phantastikportale heraus zahlreiche Blogs entstanden sind. Allein im Fall der Bibliotheka Phantastika ergibt das eine beachtliche Aufzählung: Ardeija, Epi(b)log, Madame Books, Moyas Buchgewimmel und Notizen aus Anderswo. Auch ich wäre wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, selber zu bloggen, wenn ich mich nicht einige Zeit in den Foren der Bibliotheka Phantastika bzw. von hdrf.de herumgetrieben hätte. Und jetzt plätschert das Hermanstädter Gewässer schon seit ganzen sechs Jahren vor sich hin (und wird hoffentlich noch lange Zeit Wellen schlagen)!

Andererseits halte ich so manches Portal alten Stils für eine unersetzliche Ressourcenquelle. Das BP-Team hat völlig recht, wenn es schreibt:
[D]ie BP – die ihren Namen nicht nur wegen des kultivierten Klanges trägt – [ist] tatsächlich eine Bibliothek. Im Real Life verschwinden Bücher inzwischen nach ein, zwei, drei Monaten aus der Wahrnehmung, bei uns ist Altes und Neues gleich viele Klicks entfernt. So eine Bibliothek kann Staub und Spinnweben ansetzen, und es ist vielleicht mal nicht viel los, aber man kann immer noch reingehen, den Staub runterpusten und Bücher entdecken.
Solche bewunderungswürdige Sammelarbeit lässt sich allein mit einem Blog einfach nicht stemmen.

* Keine Angst, das wird kein Sprachnörgelpost, wobei ich mir die Bemerkung nicht verkneifen kann, dass es in diesem Fall »Quo vaderis, Phantastikportale?« heißen müsste (hihi!).

Montag, 2. Februar 2015

Some Lost Impressions That I Had

Nachdem ich mir die vierte Staffel von The Walking Dead zu Gemüte geführt habe (und damit sehr glücklich war), habe ich gegen den Rat von so ziemlich allen, die die Serie kennen, mit der ersten Staffel von Lost begonnen. Da ich also vielfältig gewarnt bin, rechne ich nicht mit großen Enttäuschungen. Es folgen einige (ebenso unsortierte wie unfertige) Eindrücke, die sich im Laufe der ersten Folgen bei mir angesammelt haben.

Die Figuren

Sind vor allem deshalb interessant, weil sie allesamt eine mysteriöse Vergangenheit zu haben scheinen und gemeinsam auf einer einsamen Insel abgestürzt sind. Leider nur deshalb. Für Spannung ist damit durchaus gesorgt, denn ich wohl schon wissen, was all diese Leute angestellt oder erlitten haben, bevor sie zu spätkapitalistischen Robinsons wurden. Aber wenn man mich fragte, ob sie mich auch sonst, unter anderen Umständen, interessieren würden, müsste ich mit nein antworten. Ausnahmen sind bislang nur Kate und Sayid. Unter Umständen hätte auch Sun-Hwa das Potential, als Figur mehr zu sein als leidende Ehefrau.

Stereotype

Die allermeisten Figuren kommen scheinen mir eher Typen als Charaktere zu sein. Das geht natürlich nicht ohne Klischees ab: Da ist Hurley, der Nerd. Sawyer, das charmante Arschloch. Locke, der mystische Naturbursche. Charlie, der abgehalfterte Rockstar. Claire, die anscheinend ausschließlich zum Beschütztwerden da ist. Michael, der überforderte Vater, und Walt, der maulige Sohn. Boone, der unselbständige Jüngling. Shannon, der verwöhnte Yuppie. Und so weiter. Na gut, Klischees sind dazu da, um gebrochen zu werden. Ansätze dazu sind vorhanden. Charaktere, die sich durch mehr als nur eine Eigenschaft auszeichnen, sind allerdings auch eine feine Sache. Bisher trifft das leider nur auf Jack, Kate und Sayid zu.

Ärgerlicher sind aber andere Dinge. Zum Beispiel Michael und Walt mit ihren Familienproblemen. Müssen ausgerechnet die einzigen Afroamerikaner im main cast aus zerrütteten Verhältnissen kommen? Gar nicht cool. Und Jin-Soo, der Koreaner, der wird geothert, dass der Bildschirm kracht: Anscheinend gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, nach dem Menschen aus Ost- oder Südostasien als fremd, mysteriös und einem unverständlichem Wertesystem folgend dargestellt werden. Hoffentlich ändert sich da noch was. Erfreulich ist dagegen die Darstellung Sayids. Während des laufenden Irakkriegs einen ehemaligen Schergen der Saddam-Diktatur zum sympathetic character zu machen, ist eine starke Sache, zumal Sayid weder als einfältiger Drittweltler noch als Monster gezeichnet wird. Zwischen Tatkraft, Verdrängung und Verzweiflung schwankend, bricht er ein weiteres ungeschriebenes Gesetz: dass nur weiße, westliche Charaktere Gewissensnöte haben können.

Realitätseffekte

Ich bin eigentlich nicht so drauf, dass ich ständig rechthaberisch »Das ist doch voooll unrealistisch!« rufen müsste. Fiktion ist erstmal einfach nur Fiktion und folgt ihren eigenen Gesetzen. Aber in Bezug auf Lost muss ich dann doch mal meckern: Wie um alles in der Welt kann man in der Wildnis abstürzen, scheinbar auf einer unbewohnten Insel, und sich dort wochenlang aufhalten, ohne zumindest mal alle Wasserläufe abzugehen, um auch wirklich sicher sein zu können, dass man sich in unbewohnten Gebiet befindet? Das ist doch keine allzu abwegige Idee, auf die man ruhig mal kommen könnte – vor allem, da man mit Kate eine Überlebenskünstlerin, mit Locke einen Survival-Experten (was nicht das gleiche ist) und mit Sayid einen Elitesoldaten dabei hat.

Meta

Sawyer liest die ganze Zeit Fantasy: Erst Watership Down von Richard Adams, dann A Wrinkle in Time von Madeleine L’Engle.

The Hero

Was den männlichen Helden der sogenannten Qualitätsserien angeht, zeichnen sich meines Erachtens zwei Grundtypen ab: Zum einen der Antiheld, der sich durch eine kriminelle Karriere oder irgendwelche Machtspiele durch die Midlife Crisis retten will (Beispiel: Walter White aus Breaking Bad), zum anderen der verantwortungsbewusste Typ, der in einer gefahrvollen Situation zum Anführer wider Willen* wird (Beispiel: Rick Grimes aus The Walking Dead). Jack Shephard ist ganz klar der zweite Typ. Er reißt die Verantwortung nicht an sich, sondern stolpert sozusagen über sie und versucht sofort, sie zu schultern, wobei alle erst mal vertrauensvoll zu ihm aufblicken. Irgendwann, wie das so zu gehen pflegt, wird ihm sicherlich ein gefährlicher Konkurrent erwachsen. Aber warum ist eigentlich nicht Kate die Heldin?

* Wobei selten bis nie hinterfragt wird, warum es eigentlich unbedingt einen männlichen, monarchisch entscheidenden Anführer braucht.

Samstag, 31. Januar 2015

Dämmernd liegt der Sommerabend

Je länger der Winter dauert, desto stärker mein Bedürfnis, an Sommerliches zu denken. Deshalb gibt es heute was von Heine.


Dämmernd liegt der Sommerabend
Über Wald und grünen Wiesen;
Goldner Mond, im blauen Himmel,
Strahlt herunter, duftig labend.

An dem Bache zirpt die Grille,
Und es regt sich in dem Wasser,
Und der Wandrer hört ein Plätschern
Und ein Atmen in der Stille.

Dorten an dem Bach alleine,
Badet sich die schöne Elfe;
Arm und Nacken, weiß und lieblich,
Schimmern in dem Mondenscheine.

Freitag, 23. Januar 2015

Was gelernt: über Walter Sobchak

Über Frank Böhmerts Blog bin ich an diesen Clip über The Big Lebowski geraten:


Die Überraschung dabei war für mich, dass die Figur des Walter Sobchak von Regisseur und Drehbuchautor John Milius inspiriert ist. Milius ist bekanntlich ein Typ, in dessen Träumen kraftstrotzende, Nietzsche und Frazer lesende Krieger und Kraftkerle herumstapfen – Krieger von der Sorte, die gelassen ihr Schicksal akzeptieren, wenn sie (nach einem Leben voller Opfersinn und Kriegertum) durch einen Jüngeren vom Thron gestoßen werden. So wie Colonel Kurtz am Ende von Apocalypse Now: Fressen und gefressen gewerden. Der König ist tot, es lebe der König.

Außer für Coppolas Film, zu dem er das Drehbuch schrieb, ist Milius vor allem für Conan the Barbarian bekannt, das unerreichte Vorbild aller weiteren Sword-and-Sorcery-Filme. Es hat einen Typen gebraucht, der den Kalten Krieg wirklich ernst nahm (statt ihn als die Farce zu sehen, die er war), um Robert E. Howards manisch-depressiven, freiheitsliebenden Cimmerier zu dem Pop-Nietzscheaner zu machen, der stets sein Schicksal akzeptiert, ganz gleich, ob es sich dabei um das Rad des Schmerzes oder die Krone von Aquilonien handelt. Wahrscheinlich werde ich mir von jetzt an immer vorstellen, dass der Film-Conan Milius’ Ich-Ideal darstellt, während der reale Milius eben so wie Walter Sobchak drauf ist. Das ist aber gar nicht böse gemeint. Milius stilisiert sich selbst gern zum Außenseiter, der wegen seines konservativen Waffen-, Krieger- und Freiheitskults in Hollywood verfemt sei. Ich habe aber den Verdacht, dass Milius zu jenen Konservativen gehört, die sich ausgesprochen unwohl fühlen würden, wenn sie in einer Welt voller Konservativer leben müssten. Das wäre einfach zu langweilig und konformistisch. So glaube ich, dass Milius sich insgeheim unter Liberalen recht wohl fühlt. Seine Lieblingsbeschäftigung besteht ohnehin darin, Versatzstücke seiner persönlichen Mythologie in den Filmen anderer Leute unterzubringen, etwa bei Spielberg: Hai-Jäger Quints Bericht vom Untergang der USS Indianapolis in Jaws? Milius’ Idee. Das uber-pathetische Ende von Saving Private Ryan? Auf Milius’ Mist gewachsen.

Gleichzeitig verkörpert Milius so etwas wie eine aussterbende Art. Er ist Vertreter eines, nun ja, mit einer gewissen Haltung einhergehenden Konservativismus. Man vergleiche nur Milius’ Filme mit den völlig rückgratlosen Remakes von Conan the Barbarian und Red Dawn – und man wünscht sich einen Walter Sobchak, der mit der Knarre herumfuchtelt und brüllt, er habe nicht seine Kameraden im Matsch sterben gesehen, um sich so etwas bieten zu lassen.

East Side Gallery: Walter Sobchak und der Kalte Krieg

P.S.: Die CineFix-Leute haben übrigens unrecht, wenn sie den Teppich des Dude als einen MacGuffin bezeichnen. MacGuffins gibt es in The Big Lebowski mindestens drei: Bunny Lebowski, den Koffer mit Walters getragener Unterwäsche und den Wagen des Dude. Der Teppich selber ist aber alles andere als ein MacGuffin, denn The Big Lebowski ist nun einmal wirklich ein Film über einen Typen, der sich auf eine heroische Queste begibt, um Genugtuung für seinen geschändeten Teppich zu erlangen. It really tied the room together.

Bildquelle: Wikimedia Commons

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.