Samstag, 20. September 2014

The Song of Wandering Aengus

Gestern habe ich Ken Loachs neuen Film Jimmy’s Hall gesehen. Er lässt sich als Fortsetzung zu The Wind That Shakes the Barley (2006) verstehen – allerdings handelt es sich bei dem neuen Film um weniger starken Tobak als bei The Wind, und ich muss zugeben, dass ich darüber ganz erleichtert war. Stattdessen handelt es sich um einen Film, der intim und politisch zugleich ist.

Jimmy’s Hall spielt knappe zehn Jahre nach dem Ende des Irischen Bürgerkriegs, zu einer Zeit, als die katholische Kirche ihre kulturelle Hegemonie über Irland festigt und die Ideen des marxistischen Vorkämpfers der irischen Unabhängigkeit, des legendären James Connolly, zunehmend in Misskredit geraten, während auf der anderen Seite die faschistischen Schlägertrupps der Army Comrades Association die Privilegien der Großgrundbesitzer verteidigen. Held des Films ist der marxistische Aktivist und Connolly-Verehrer Jimmy Gralton (Barry Ward), der im ländlichen County Leitrim eine Dancehall betreibt. Nicht nur, dass dort zünftig gefeiert wird, auch die politischen Bildungsveranstaltungen, die unter Jimmys Blechdach stattfinden, sind der katholischen Kirche ein Dorn im Auge. Als Gralton sich bereit erklärt, bei einer Landbesetzung mitzuwirken, kommt es zu einem unheilvollen Bündnis zwischen der Kirche und dem lokalen Großgrundbesitzer. Gewalttätige Übergriffe auf Gralton und die Besucher_innen seiner Dancehall sind die Folge.

Eine Nebenhandlung widmet sich dem Wiedersehen Graltons, der lange in den USA gelebt hat, und seiner Jugendliebe Oonagh (Simone Kirby), die mittlerweile verheiratet ist. Oonagh genießt die Situation spürbar, ist aber zugleich ganz zufrieden mit ihrem Mann und ihren Kindern und denkt nicht daran, ihr bisheriges Leben für Gralton aufzugeben. In gewisser Hinsicht ist es einer der größten Momente dieses schönen Films, dass er dem müden Klischee von der Frau, die sich entscheiden muss zwischen Familienglück und dem Leben an der Seite eines charismatischen Mannes, konsequent eine Absage erteilt.

Der arme Gralton, der sich von Oonagh durchaus mehr erhofft hat, tröstet sich nun mit Gedichten von W.B. Yeats – was nicht der Ironie entbehrt, denn der alternde Yeats entwickelte just zu der Zeit, in der der Film spielt, Sympathien für die faschistische Army Comrades Association. »The Song of Wandering Aengus«, das Gedicht, das im Film rezitiert wird, stammt jedoch aus der frühen Schaffensphase Yeats’, als der Barde des Celtic Revival noch Mitglied der Irish Republican Brotherhood war. Es ist der Sammlung The Wind Among the Reeds von 1899 entnommen und in der Tat geeignet, Graltons Kummer zu illustrieren. Grund genug, das Gedicht hier wiederzugeben:


The Song of Wandering Aengus

I went out to the hazel wood,
Because a fire was in my head,
And cut and peeled a hazel wand,
And hooked a berry to a thread;
And when white moths were on the wing,
And moth-like stars were flickering out,
I dropped the berry in a stream
And caught a little silver trout.

When I had laid it on the floor
I went to blow the fire a-flame,
But something rustled on the floor,
And someone called me by my name:
It had become a glimmering girl
With apple blossom in her hair
Who called me by my name and ran
And faded through the brightening air.

Though I am old with wandering
Through hollow lands and hilly lands,
I will find out where she has gone,
And kiss her lips and take her hands;
And walk among long dappled grass,
And pluck till time and times are done,
The silver apples of the moon,
The golden apples of the sun.
 

Donnerstag, 18. September 2014

Pimp my Wright


Seltsame Orte gibt es, seltsame Gehirne.
– Thomas Mann
Oh, shit ...

In meinem Artikel über den sogenannten culture war schrieb ich zuversichtlich:
Es sind die Reaktionäre, denen die Felle davonschwimmen. [...] Je verbreiteter die Erkenntnis, dass man sich mit Stammtisch-Gepolter und sozialdarwinistischer Parolendrescherei die Karriere versauen kann, desto mehr werden sich zwar nicht die Einstellungen, aber der Ton und die Lautstärke mäßigen. Als warnendes Beispiel könnte John C. Wright dienen, der mal als vielversprechender Autor, sogar als Genie galt, es in der Folge aber geschafft hat, sich konsequent den Ruf eines Spinners mit pompöser Rhetorik und paranoider Weltanschauung zu erarbeiten – und höchstwahrscheinlich nie wieder aus der Nische herauskommen wird, in die er sich selbst begeben hat.
Allerdings kannte ich da John C. Wrights Masterplan noch nicht, den er vor zwei Tagen unter dem mannhaften Titel »Victory« proklamierte. Ich zitiere die maßgeblichen Stellen aus dem Fünf-Punkte-Programm:
A reader named VunderGuy asks how we Christians and our allies among all men of goodwill shall win the Culture Wars? [...]
I submit that victory shall be ours by using the same methods we used to overthrow the Roman Empire and replace paganism with Christianity.
First, we must pray. We must live differently from the pagans around us, according to standards of higher discipline, displaying more fidelity in marriage, eschewing divorce, assisting the poor and downtrodden, and living lives so holy that even the devils are amazed.
Second, by being willing to suffer public scorn, loss of prestige, position, and fortune for Christ.
Third, by being open, vocal, coordinated, and relentless in our efforts. Fourth, by staying on message and never giving an inch.
Fifth and last, by showing the imagination of man that no one can live in the craven airless cesspool of the mental environment of political correctness, but that men flourish and grow strong and brave, not to mention more sexually appealing, in the walled gardens of the Church and the battlefields of life.
Es scheint, als sei Wright nicht damit zufrieden, wie andere Angehörige der Neuen Rechten, Antonio Gramsci zu exzerpieren. Er geht gleich auf den großen Erzfeind, den Fürsten der Finsternis Karl Marx zurück, dessen 11. Feuerbachthese bekanntlich vermerkt, dass die Philosoph_innen die Welt nur verschieden  interpretirt haben, es aber darauf ankommt, sie zu  verändern. Wright, der sich als »practicing philosopher« bezeichnet, hat sich nun ermannt, mit Hilfe von Gebet und Sex-Appeal die Welt zu verändern. Auf den Schlachtfeldern des Lebens wird er den Allmächtigen mit solcher Inbrust um Testosteron anflehen, dass selbst die Teufel ins Staunen geraten. Alle Voraussetzungen für einen siegreichen Kampf sind gegeben, denn wie man sieht, ist Wright schon jetzt mit einem tadellosen Krawattenknoten, einem mondänen Alpha-Lächeln und reichlich Gesichtsbehaarung versehen:

Bildquelle: Wikipedia

Samstag, 13. September 2014

Kulturkrieg, Kommerz und Sad Puppies

Am sogenannten Kulturkrieg in der SFF fällt mir immer wieder auf, wie wenig literaturtheoretische Fragen darin eine Rolle spielen. Auf den ersten Blick ist das für eine Auseinandersetzung, die sich vor allem zwischen Autor_innen und ihren Fans abspielt, ein verwunderlicher Befund. Aber der erste Blick täuscht, denn es handelt sich nicht um einen auf das SFF-Fandom begrenzten Konflikt. Gamergate und andere Ereignisse zeigen, dass es hier um eine Auseinandersetzung geht, die sich durch die gesamte Populärkultur zieht. Es mag allenfalls sein, dass die Bruchlinie des Konflikts in der SF so deutlich ist, weil es in diesem Genre eine gewisse Neigung dazu gibt, die gute, alte Zeit zu beschwören. Aber es gibt noch einen schwerwiegenderen Grund dafür, warum der Konflikt nur am Rande anhand der Frage, was gute Literatur ausmacht, ausgetragen wird: Es geht schlichtweg um existentiellere Dinge. Die Versuchung besteht darin, den culture war als eine Auseinandersetzung zu sehen, die zwischen einer Riege von reaktionären Großsprecher_innen auf der einen Seite und milden, aufgeklärten Liberalen wie Jim C. Hines und John Scalzi auf der anderen Seite ausgetragen wird. Doch das ist nicht das eigentliche Kampffeld. Die Situation ist nicht so ausgeglichen und exklusiv, und sie ist kein bloßer Kampf um Meinungen. Frauen, Queers und People of Colour, die gleiche Rechte und Anerkennung auf dem kulturellen Feld einfordern, haben sich diesen Kampf nicht ausgesucht. Es geht um »years of harassment and abuse«, wie Laurie Penny schreibt:
This [is] a song we know by now. It starts and ends, almost always, with attacks on our sexuality, on our bodies as meat and function [...] The routine, the arguments, have become far too familiar. A woman or a handful of women are selected for destruction; our ‘credibility’ and ‘professionalism’ are attacked in the same breath as we are called ugly, slut-shamed for dismissed either as stupid little girls or bitter old women or, in some cases, both. The medium is modern, but the logic is Victorian, and make no mistake, the problem is not what we do and say and build and create. The problem is that women are doing it. That’s why the naked selfies, the slut-shaming, is not just incidental to the argument – it is the argument. Underneath it all, you’re just a woman, just a body. You can be reduced to flesh. You are less. You are an object. You are other.
Das Wagnis von Pennys Artikel liegt in der Behauptung, dass zwar die Verletzungen und das Leid auf der Seite derer liegen, die um Gleichberechtigung kämpfen, es aber dennoch die andere Seite ist, die den Kampf verliert. Angesichts der Omnipräsenz von heterosexistischen Online-Mobs mit ihrem hasserfüllten Toben ist das keine Folgerung, die sich von selbst versteht – und noch viel weniger, man sich die von keinem Zweifel getrübte Überzeugung eines rassistischen Wortführers wie Vox Day, auf der Siegerseite der Geschichte zu stehen, vor Augen führt. Dennoch, Penny hat recht. Es sind die Reaktionäre, denen die Felle davonschwimmen. In der Epoche des Spätkapitalismus, in der wir leben, sind es zunehmend weniger die Eliten, die Rassismus und Heterosexismus predigen. Es ist nicht die Bundesbank, die Thilo Sarrazins Ansichten propagiert. Im Gegenteil, man zeigte sich in der Frankfurter Chefetage empfindlich gestört von Sarrazins unflätigen Bemerkungen über Arme und Migrant_innen. Ganz zu recht nahm man in der Notenbank an, die migrantischen Mitarbeiter_innen des Hauses könnten sich persönlich getroffen fühlen, und versuchte deshalb, das Vorstandsmitglied S. so unauffällig wie möglich loszuwerden.

Das Kapital kann es sich heute nicht mehr leisten, Frauen, People of Colour und Queers nur im Reproduktionsbereich oder in der Sexindustrie auszubeuten. Um ihre Arbeitskraft verwertbar zu machen, sind Unternehmen mehr und mehr bereit, etwas dafür zu tun, dass marginalisierte Gruppen nicht mehr allen möglichen Formen von Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt sind. (Dass solche Bemühungen nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus Eigeninteresse erfolgen und häufig nicht über Schönfärberei hinausgehen, versteht sich von selbst.) Auch Penny sieht diesen Vorgang als einen Prozess kapitalistischer Modernisierung:
Everybody loses, in the long term, because everybody has to live in a culture where it’s normal to hound women out of their homes for daring to demand fairer treatment, normal to shame girls and queer people into silence for suggesting that there might be other interesting stories to tell. There is no way to win this game, except by not playing at all.
So they can’t understand why they’re losing.
They can’t understand why their arguments aren’t working. They can’t understand why game designers, industry leaders, writers, public figures are lining up to disown their ideas and pledge to do better by women and girls in the future. They can’t understand why, just for example, when my friend, the games critic and consultant Leigh Alexander, was abused and ‘called out’ as an unprofessional slut, a lying cunt, morally and personally corrupt, just for speaking truthfully and beautifully about all of this, it was Alexander who was invited to write her first piece for Time magazine, Alexander who got to define the agenda for the mainstream, who received praise and recognition, whilst her abusers’ words will be lost in a howling vortex of comment threads and subreddits and, eventually, forgotten.
Their rage is the rage of bewilderment.
Der ganze Vorgang, der Angehörige von zuvor marginalisierten Gruppen in immer mehr Branchen Fuß fassen lässt, ist im Kulturbetrieb stärker sichtbar als anderswo (weil es in diesem Bereich auf Sichtbarkeit ankommt), aber er geht weit über die Literatur- und Unterhaltungsindustrie hinaus. Donna Haraway bemerkte schon vor dreißig Jahren in ihrem berühmten Essay »Ein Manifest für Cyborgs«: »Die ›neue industrielle Revolution‹ bringt in weltweitem Maßstab eine neue ArbeiterInnenklasse hervor. Die extreme Mobilität des Kapitals und die sich herausbildende internationale Arbeitsteilung sind mit dem Auftreten neuer Kollektive und der Schwächung vertrauter Gruppen verknüpft.«* Diese Entwicklung beschränkt sich nicht darauf, dass sich die Zugangsmöglichkeiten zum Arbeitsmarkt verschieben. Die Welt der Arbeit selbst verändert sich:
Es geht aber nicht allein darum, daß die Frauen in den Ländern der Dritten Welt in den auf Wissenschaft basierenden multinationalen, exportorientierten Industrien, besonders im Bereich der Elektronik, die bevorzugten Arbeitskräfte sind. [...] Im wahrsten Sinne des Wortes wird Arbeit als weiblich oder feminisiert neu definiert, egal ob sie von Männern oder von Frauen verrichtet wird. Feminisiert zu werden bedeutet hier, eine extrem prekäre Position einzunehmen, zerlegt und neu zusammengesetzt werden zu können; als Reservearmee ausgebeutet werden zu können; eher als Bedienstete denn als ArbeiterInnen betrachtet zu werden; während und nach der Arbeit einem Zeittakt unterworfen zu sein, der einer geregelten Arbeitszeit Hohn spricht und ständig eine an der Grenze zum Obszönen, eine auf Sex reduzierbare Existenz zu führen, immer bedroht von Arbeitslosigkeit und Deplazierung.**
Haraways Momentaufnahme des Spätkapitalismus hat weitreichende Implikationen. Zum einen widerspricht sie der verbreiteten Annahme, es gebe kein Proletariat mehr, und wir lebten in einer postindustriellen Gesellschaft ohne Klassen. Das Gegenteil ist der Fall. Das Proletariat ist größer als je zuvor und global verbreitet; noch nie haben so viele Menschen ihre Arbeitskraft verkauft wie heute. Zum anderen bedeutet das, dass die Möglichkeit der Proletarisierung, des Abrutschens aus ökonomisch gesicherten Verhältnissen, größer ist als je zuvor. Haraway bemerkt: »Diese Entwicklungen sind weder gender- noch rassenneutral. Dem wachsenden Risiko von Dauerarbeitslosigkeit sind besonders weiße Männer in den entwickelten Industrienationen ausgesetzt. [...] Dequalifizierung ist eine altbekannte Strategie, die sich nun auf vormals privilegierte Erwerbstätige richtet.«***

Es geht nicht darum, diese Verhältnisse zu verherrlichen. Da ist die von Haraway so eindrücklich beschriebene Prekarität davor. Außerdem: So lange es so etwas wie die Gender Pay Gap gibt, so lange mit wenig Ansehen, niedrigem Lohn und Gesundheitsrisiken verbundene Berufe wie Krankenpflege und Putzjobs vor allem von Migrant_innen verrichtet werden, besteht nicht gerade ein Grund zum Jubeln, weil ein paar Unternehmen auf die Veränderungen in der Arbeitswelt mit Antidiskriminierungsrichtlinien reagieren. Die im Verhältnis gesehene schwächere Position von (weißen) Männern auf dem Arbeitsmarkt ist zudem nicht unbedingt ein Vorteil für Frauen. Oft bedeutet der Wegfall des männlichen Familieneinkommens den Schritt in die Armut. Auch das Phänomen der doppelten Vergesellschaftung von Frauen (Regina Becker-Schmidt) ist alles andere als passé: Frauen, die durch (prekäre) Arbeit in den Produktionsprozess eingebunden sind, haben meist zusätzlich den Großteil der Reproduktionsarbeit im Haushalt zu leisten. Auch ist das, was der Wirtschaft langsam dämmert, noch längst nicht bei der Politik angekommen, wie man täglich in den Nachrichten sehen kann: Die westlichen Staaten ermorden munter – und nicht nur in Ferguson, Missouri – People of Colour. Sie lassen die Angehörigen der industriellen Reservearmee von heute tausendfach im Mittelmeer ersaufen, nur um für ihre jeweiligen nationalen Kollektive die Illusion einer ethnisch homogenen Gemeinschaft zu wahren. Dennoch gilt es zu fragen, welche sozialen Errungenschaften für People of Colour, Queers und Frauen durch die Veränderung der Arbeit möglich sind, und wie genau sie mit den culture war genannten Verwerfungen zusammenhängen.

In der anglophonen SFF lässt sich derzeit beobachten, was passiert, wenn in einer bestimmten Branche ein neues Kollektiv auftritt und eine vertraute Gruppe sich dadurch geschwächt fühlt (um Haraways Formulierung aufzunehmen). SFF wurde jahrzehntelang vor allem von weißen, männlichen, heterosexuellen Nerds mit middle-class-Hintergrund produziert. Damit ist es endgültig vorbei. Während ein Teil der vertrauten Gruppe versucht, sich (nicht ohne Reibungen) der neuen Entwicklung anzupassen, versuchen andere zu verteidigen, was sie als ihre angestammte Domäne betrachten. Letztere sind mit den »they« in dem Zitat von Laurie Penny gemeint, die nicht verstehen, warum sie nur verlieren können: »angry, broken, lost young men convinced that women have robbed them of some fundamental win in life«.

Es stellt sich die Frage, wie diese Männer überhaupt zu der Überzeugung gelangt sind, dass speziell ihnen ein »fundamental win in life« zusteht? Die Antwort liegt, vermute ich, in einem Stück Gesellschaftsgeschichte der westlichen Industrieländer. Kulturell gesehen waren wir, die wir† in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in diesen Gesellschaften aufgewachsen sind und dort unsere familiären Wurzeln hatten, allesamt Kleinbürger_innen. Im Kontext des Wohlfahrtsstaats konnte von einer eigenständigen Kultur der Eliten wie des Proletariats kaum noch die Rede sein (letztere verschwand nicht völlig, verlagerte sich aber in den subkulturellen Bereich). Die klassenspezifischen Werte und Ressentiments des Kleinbürgertums schienen für die ganze Gesellschaft Geltung zu haben. Nach dem 2. Weltkrieg war das Kleinbürgertum zu einem gewissen Wohlstand gelangt, ohne wirklich an der sozialen Macht zu partizipieren, die weiterhin den Eliten vorbehalten blieb. Die kulturell hegemoniale Stellung, die die kleinbürgerliche Ideologie genoß, war gewissermaßen die Kompensation für diesen Ausschluss von der Macht. Als kleinbürgerlicher Mann war man weiß, mehr oder weniger christlich sozialisiert und stand als Alleinverdiener einer patriarchal strukturierten Kleinfamilie vor. Wenn man von der Arbeit nach Hause kam, konnte man seine Frau herumkommandieren und beim abendlichen Fernsehen seiner Verachtung für Perverse, proletarische Schmuddelkinder, Gastarbeiter und langhaarige Kommunisten freien Ausdruck verleihen, ohne irgendeinen folgenreichen Widerspruch befürchten zu müssen. Man wusste sich einig mit dem Mainstream der Gesellschaft.

So ungebrochen, so überschaubar gibt es diese kleinbürgerliche Welt heute nicht mehr. Zu weiten Teilen ist sie glücklicherweise Vergangenheit. Die scheinbare Unübersichtlichkeit, in der wir heute leben, hat aber bei denen, die sich in dieser Welt (oder ihren kläglichen Überresten) zuhause fühlten, eine grenzenlose Verunsicherung ausgelöst. Die Dequalifizierung der vormals privilegierten Erwerbstätigen greift um sich. Das Ergebnis dieser Verunsicherung ist die allenthalben zu beobachtende politische und ideologische Verrohung des Bürgertums, wie sie sich in rechtspopulistischen Parteien, im Maskulinismus, in Phänomenen wie PUAs und PUA-Hass, im Schimpfen auf die angeblich nach ’68 eingeführte Promiskuität und in der wohlfeilen Geste des Tabubruchs, wie sie von Akif Pirinçci und Websites im Stil von PI-News gepflegt wird, äußert. Die in diesem Stil Politisierten stehen zwar (noch) nicht wirklich im Gegensatz zum Mainstream der Gesellschaft, aber sie fühlen sich so. Für Menschen, die von struktureller Diskriminierung betroffen sind, stellt das sich neurechts gebärdende Kleinbürgertum eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar. Zwar neigt es bislang eher zu großen Worten als zu Taten, aber das hat einen John Ausonius, George Sodini, Anders Behring Breivik oder Elliot Rodger nicht aufgehalten. (Je größer das Krisenbewusstsein, desto höher die Bereitschaft zur Tat?)

Diese Stimmung – das Gefühl, natürliche Privilegien zu verlieren – existiert auch im rechten Flügel des SFF-Fandoms. Der gibt sich jedoch erhebliche Mühe, um nicht den Eindruck zu erwecken, auf dem absteigenden Ast zu sein. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass ein Larry Correia auf seinem Blog oder auf Twitter mit seinem Amazon-Verkaufsrang prahlt. Eric Raymond ist sich sicher: »The likes of Correia [...] churn out primitive prose, simplistic plotting, at best serviceable characterization – and vastly more ability to engage the average reader.« Dass ihre Beliebtheit bei der breiten Masse an den Verkaufszahlen ihrer Bücher abzulesen sei, ist das Lieblingsargument konservativer SFF-Autor_innen. Dabei schwingt immer auch mit, dass der Beliebtheit der Bücher beim »average reader« eine Beliebtheit der Ideologie entspreche. Auf mich wirkt die Penetranz, mit der Correia und andere diese Behauptung wiederholen, allerdings allzu beschwörend. Wer wie Correia ständig beteuern muss, ein erfolgreicher Autor zu sein, ist sich offenbar seines Erfolgs alles andere als sicher.

Aber warum? Correia ist ein Bestseller-Autor. Er könnte damit zufrieden sein, dass seine Bücher massenhaft gekauft und gelesen werden. Dass der Bestseller-Status allein es für Correia aber nicht macht, liegt meiner Vermutung nach darin, dass er kein Alleinstellungsmerkmal ist. Kommerziell erfolgreich kann auch ein stromlinienförmiger Liberaler wie John Scalzi sein. Correia möchte aber gern glauben, dass er erfolgreich ist, weil er ein bulliger White Web Warrior ist, der (wenn er nicht gerade an der Tastatur sitzt und darüber schimpft, dass Amerika vor die Hunde geht) seine Waffensammlung im Sports Utility Vehicle Gassi fährt und der Nachbarschaft damit zeigt, was ein gottesfürchtiges, patriotisches Alphamännchen so zu bieten hat. Natürlich ist diese Annahme – wie man so schön sagt im W.W.W.-Sprech – utterly delusional. Die Autor_innen, bei denen sich kommerzieller Erfolg mit einer ostentativ zur Schau getragenen rechtskonservativen Haltung verbindet, lässt sich mittlerweile an einer Hand abzählen. In ihrem Schatten steht das Heer der um die Wette trollenden Profilneurotiker_innen, der Vox Days und Tom Kratmans und wie sie alle heißen, die außerhalb ihres eigenen Milieus niemand ernst nimmt. Einen Vox Day duldet Correia an seiner Seite, weil sich mit ihm als Sockenpuppe das liberale SFF-Establishment provozieren lässt, wie sich im Vorfeld der diesjährigen Hugo Awards (Stichwort Sad Puppies) gezeigt hat. Dabei dürfte Correia sich der Tatsache überaus bewusst sein, dass der subliterarische Dreck, den Vox Day in seinem eigenen Kleinverlag veröffentlicht, niemals eine ernstzunehmende Konkurrenz für seine, Correias, Bücher darstellen wird. Ob Vox Day sich dieser Tatsache ebenso bewusst ist? Vermutlich nicht. Er ist glücklich über jede Gelegenheit, im Spotlight zu stehen, auch wenn er sich dafür von seinem ›Gönner‹ Correia mit heruntergelassenen Hosen durch die Manege führen lassen muss.

Leute wie Vox Day unterliegen einem naheliegenden Irrtum. Sie verteidigen das System, in dem es nur auf Erfolg ankommt, mit größter ideologischer Standfestigkeit und verwechseln deshalb den Erfolg mit der ideologischen Standfestigkeit. Sie glauben, letztere müsse sich automatisch in ersteres ummünzen lassen. Sie sehen nicht, dass alle Standfestigkeit ihnen nicht helfen kann, wenn der Erfolg ausbleibt, dass sie dann genauso ausgezählt liegen bleiben wie alle anderen auch. Jemand wie Larry Correia, bei dem es mit dem Erfolg ja geklappt hat, mag sich dieser Sache dagegen zumindest dumpf bewusst sein.

Sucht man nach einer hiesigen Parallele zu dem Phänomen, dass kommerzieller Erfolg Narrenfreiheit mit sich bringt (und nicht etwa umgekehrt rechte Narrheiten sich zwangsläufig in klingende Münze umwandeln lassen), bietet sich wiederum Akif Pirinçci an. Der schwimmt wegen Felidae im Geld und kann sich vor allem deshalb jetzt seine rassistischen und sexistischen Ausfälligkeiten leisten. Hätte er es schon ganz zu Anfang seiner Karriere so getrieben, wäre er wahrscheinlich den Weg John Ashts gegangen und sang- und klanglos verschwunden. Nun haben nicht alle Autor_innen das Glück, frühzeitig Bestseller-Status zu erlangen. Je verbreiteter die Erkenntnis, dass man sich mit Stammtisch-Gepolter und sozialdarwinistischer Parolendrescherei die Karriere versauen kann, desto mehr werden sich zwar nicht die Einstellungen, aber der Ton und die Lautstärke mäßigen. Als warnendes Beispiel könnte John C. Wright dienen, der mal als vielversprechender Autor, sogar als Genie galt, es in der Folge aber geschafft hat, sich konsequent den Ruf eines Spinners mit pompöser Rhetorik und paranoider Weltanschauung zu erarbeiten – und höchstwahrscheinlich nie wieder aus der Nische herauskommen wird, in die er sich selbst begeben hat.

Sic transit gloria lupi.

* Donna Haraway, Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften, in: dies., Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt/New York 1995, S. 33–72, hier S. 54.
** A.a.O., S. 54f.
*** Ebd.
† Das soll jetzt kein vereinnahmendes ›wir‹ sein, sondern einfach meine biographische Zugehörigkeit zu dieser Gruppe ausdrücken. 

Mittwoch, 10. September 2014

E-Books sind P.o.P.

... wobei P.o.P. außer für Pop vor allem für Piss on Pity steht.

Beim Lesen eines Gesprächs zwischen Zoë Beck, Leander Wattig (finden E-Books knorke) und Roland Reuß (findet E-Books doof) ist mir eine beiläufige Bemerkung Wattigs ins Auge gefallen. Er sagt da über E-Books: »Man muss auch bestimmte Nutzungssituationen einbeziehen, etwa die größenverstellbare Anzeige von E-Readern.«

Das ist eine Sache, die mir bei der ganzen Diskussion, ob E-Books den kulturellen Bankrott oder eine Öffnung auf interessante neue Formen hin bedeuten, viel zu oft außen vor bleibt. Es gibt Menschen, für die sind aus einer Reihe von Gründen gedruckte Bücher schwerer zugänglich – Menschen mit Sehschwäche zum Beispiel. Das hat nicht unbedingt etwas mit Krankheit zu tun oder mit der oft vertretenen Vorstellung, dass manche Menschen eben Behinderungen haben und andere nicht. Phänomene wie Presbyopie, die sogenannte Altersweitsichtigkeit, zeigen, dass wir alle in vieler Hinsicht nur temporär nicht behindert werden, während in bestimmten Situationen unser Angewiesensein auf das Menschenrecht Barrierefreiheit steigt.

In dieser Hinsicht bieten E-Reader einige Vorteile etwa gegenüber Großdruck-Ausgaben. Die sind meist unhandliche Ziegelsteine und zudem auf ein bestimmtes Lesepublikum zugeschnitten: In der Genreliteratur sucht man sie in der Regel vergeblich. Hinzu kommt, dass für Menschen mit Sehschwäche bestimmte Fonts besser zu erkennen sind als andere. Die Möglichkeit, auf dem Reader zwischen verschiedenen Schrifttypen zu wechseln, ist also ein weiterer Vorteil. Kurzum: Als technische Innovation bieten E-Books Möglichkeiten gesellschaftlicher Inklusion, die es vorher nicht gab.

Ansonsten verläuft die Diskussion zwischen Beck, Reuß und Wattig weitgehend in den üblichen Bahnen:
  • Wattig: E-Books ermöglichen neue literarische Formen. (Stimmt.)
  • Beck: E-Publishing ermöglicht die Veröffentlichung von Werken, die sonst nie jemand zu Gesicht bekommen hätte. (Stimmt auch.)
  • Reuß: E-Books bringen durch das verstärkte Feedback des Publikums die Gefahr mit sich, dass vermehrt stromlinienförmige, vor allem kommerziell interessante Bücher produziert werden. (Stimmt ebenfalls, gilt aber strukturell auch für den Printbereich.)
Am Ende lobt Wattig Amazon für seine »Wir veröffentlichen alles«-Politik, die die Verlage zur Innovation zwinge. Das mag zwar irgendwie zutreffen, aber insgesamt scheint mir der derzeitige Zustand mit DRM und Anbindung an bestimmte Shops und Formate ein klassisches Beispiel zu sein, wie Produktivkräfte (= Kreativität und Innovation) gehemmt werden durch Produktionsverhältnisse (= Konzerne entscheiden, was wir wie lesen dürfen). Zoë Beck meint, E-Publishing demokratisiere die Buchproduktion. Reuß antwortet, Demokratie sei allein in der Rezeption von Büchern angebracht. Aber ist das Problem nicht viel mehr, dass es auf beiden Seiten keine wirkliche Demokratie geben kann, solange an der Schnittstelle zwischen Produktion und Rezeption ein Akteur wie Amazon steht? Gerade deshalb sind technische Neuerungen à la E-Book interessant: Sie verändern die Beantwortungsmöglichkeiten der Frage, auf die alles ankommt: Wie können die Produktionsmittel in die Hände der Produzentinnen/Rezipienten gelangen?

Die Lösung liegt im Kommunismus, und P.o.P. ist ein Schritt auf dem Weg dorthin.

Donnerstag, 28. August 2014

Ich bin nicht mehr es

Ich habe mich entschieden, meinen Nickname zu ändern. Im deutschsprachigen Fandom gibt es schon mindestens eine Person namens Anubis, die länger als ich diesen Namen gebraucht. Das führte mitunter zu Verwechslungen (Beweisstück A), und ich will niemandem die Verlegenheit zumuten, sich unschuldig für mein Geschreibsel rechtfertigen zu müssen.

Wenn ich mich also vorstellen darf: Murilegus rex, Diplomscholomant in Hermanstadt. Bitte fühlen Sie sich wie im Café, im Traum oder im Labyrinth, wenn auch nicht wie zu Hause.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.