Freitag, 2. Februar 2018

Der Vampirmythos: Definitionen und Eingrenzungen

Da ich mir gerade die erste Staffel von The Strain ansehe, hat mich die Lust gepackt, etwas über die Entwicklung der Vampirmythologie zu schreiben. Bekanntlich verfolgt Guillermo del Toro mit The Strain die Absicht, den Vampir der osteuropäischen Folklore zu rehabilitieren. Der ist zuallererst ein Monster, eine Pest aus dem Grab. Wird eine verstorbene Person zum Vampir, hat das schreckliche Folgen für die Hinterbliebenen aus der Familie und der Dorfgemeinschaft. Mit dem romantischen Vampir, wie wir ihn aus der Literatur von John William Polidori bis Anne Rice kennen, hat dieser ursprünglichere Vampir kaum etwas gemein.

Doch was ist ein Vampir? Während wir aufgrund der literarischen Tradition ein deutliches Bild vor Augen haben, wie ein Vampir aussieht und was er tut, ist es gar nicht so leicht zu sagen, wo eigentlich die Wurzeln des Vampirmythos liegen. Gelegentlich trifft man auf sehr weit ausufernde Vorstellungen von Vampirismus. So veröffentlichte der englische Geistliche Montague Summers 1928 sein Buch The Vampire: His Kith and Kin, in dem er angebliche Vampirsagen aus der ganzen Welt sammelte. Damit verfolgte Summers einen bestimmten Zweck: Er wollte seine Leser_innen von der tatsächlichen Existenz des Vampirismus überzeugen. Summers war ein Exzentriker, der u.a. die erste englische Übersetzung des Hexenhammers anfertigte und sich selbst als christlichen Monsterjäger, eine Art wahrgewordener Van Helsing, inszenierte. Da es weltweit Erzählungen über Vampire gebe, insinuierte Summers, müssen sie wohl tatsächlich existieren.

Von der Frage der Existenz einmal abgesehen, ist das Netz mit dieser Methode aber viel zu weit geworfen. Sicherlich wird man an ganz verschiedenen Orten und in ganz unterschiedlichen Kulturen Erzählgut über nächtliche Heimsuchungen durch Gespenster oder dämonische Wesen finden. Manchmal wird diesen Wesen auch zugeschrieben, dass sie Blut trinken, Menschenfleisch fressen oder ihren Opfern die Lebenskraft aussagen. Das allein konstituiert aber noch keinen Vampir. Der Verzehr von Blut oder Menschenfleisch (meist in rituellem Rahmen) wird auch Hexen oder den Angehörigen ketzerischer Gemeinschaften vorgeworfen, was diese aber nicht zu Vampir_innen macht.

Halten wir uns an das Wort des Vampirjägers Rybarenko in A. K. Tolstois Erzählung »Der Vampir«:
»Vampire«, erwiderte der Fremde kaltblütig. »Sie denken natürlich an allerlei romantische französische Geschichten, aber ich kann Sie versichern, daß wir es hier mit einer rein slawischen Erscheinung zu tun haben, wenn diese unheimlichen Wesen auch in ganz Europa, ja sogar in Asien zu finden sind. Das Wort selbst ist echt russisch und lautet ›Upyr‹. ›Vampir‹ haben erst die ungarischen Mönche daraus gemacht, die alles latinisieren mußten. Heute freilich macht man sich nur lächerlich, wenn man die richtige Form anwendet ...«
Vampire kommen nach der übereinstimmenden Auskunft der Klassiker des Genres, nicht nur A. K. Tolstois, sondern auch Lord Byrons, Sheridan le Fanus und Bram Stokers ursprünglich aus (Süd-)Osteuropa und Vorderasien, insbesondere aus Ungarn, Rumänien und den ehemaligen Gebieten des Osmanischen Reiches. Das ist der geographische Herkunftsort des historischen Vampirglaubens. Will man dem Vampirismus auf die Spur kommen, muss man ihn dort suchen.

Sieht man sich nun die entsprechenden Überlieferungen und Berichte aus diesem Raum an, ist das verbindende Merkmal folgendes: Der Vampir (in der Tat handelt es sich in den Berichten typischerweise um Männer) ist eine verstorbene Person, die aus dem Grab zurückkehrt, also ein Revenant oder Wiedergänger. Revenants sind weder tot noch lebendig, sondern etwas dazwischen, sie sind untot. Als untote Menschen unterscheiden sich Vampire von Dämon_innen, die von vornherein übernatürliche Wesen sind. Sie unterscheiden sich auch von Gespenstern, die ja wirklich tot sind, bzw. als die unruhigen Seelen Verstorbener gedacht werden.

Vampire sind Revenants, allerdings sind nicht alle Revenants Vampire. Tatsächlich kommen Sagen über Revenants (ähnlich wie die oben erwähnten dämonologischen und Hexensagen) in verschiedensten kulturellen Kontexten vor. Die skandinavische Mythologie kennt z.B. die draugar. Das sind Menschen, die durch außergewöhnliche Willenskraft erreichen, dass ihre Seelen nach dem Tod im Körper verbleiben. Das Motiv für diesen Willensakt ist meist Gier. Der typische draugr ist eine aufgedunsene lebende Leiche, die in ihrem Grabhügel haust und darin Schätze sammelt. Um sich zu ernähren, fallen draugar über Hirten und ihre Herden her, zerfetzen sie und verschlingen ihr Fleisch. Sie können endgültig getötet werden, indem man ihre Körper verbrennt oder zerstückelt. Wer allerdings auf Schatzsuche einen Grabhügel betritt, der von einem draugr bewohnt wird, sollte sich in Acht nehmen, denn der draugr fällt den Eindringling in rasender Wut an und erwürgt ihn. Gelegentlich wird auch berichtet, dass draugar unbedarfte Eindringlinge durch unheilvollen psychischen Einfluss in den Wahnsinn treiben.

Wer dabei an die barrow-wights in The Lord of the Rings und die wights in A Song of Ice and Fire denkt, liegt ganz richtig. Tolkien und Martin sind hier definitiv von der nordischen Mythologie beeinflusst (wenn auch bei Martin das Motiv der Schätze in Grabhügeln wegfällt). Tolkien kam wahrscheinlich auf die Bezeichnung, weil William Morris in seiner Übersetzung der Grettis saga das Wort draugr mit barrow wight wiedergab.

Zu den Revenants gehören auch die Zombies des Voodoo. Diese sind mittels Magie reanimierte Leichname. Der Zombie muss dem Hexenmeister, der ihn aus dem Grab gerufen hat, willenlos zu Diensten sein. Neben dem körperlichen Zombie gibt es auch eine körperlose Variante. Dabei bindet der Hexenmeister nicht den Körper, sondern den Geist eines verstorbenen Menschen an sich und bewahrt ihn etwa in einer Flasche auf. Beiden Phänomenen gemeinsam ist die Vorstellung, dass dem Zombie gewissermaßen die Hälfte seines Ichs fehlt: Der Zombie ist in einem Fall nur Körper ohne Geist, im anderen Fall nur Geist ohne Körper. Es ist dieser Zustand der Unvollständigkeit, die es dem Hexenmeister ermöglicht, den Zombie zu kontrollieren.

Aus dem Voodoo-Zombie hat sich der Zombie der gegenwärtigen Popkultur entwickelt. Der trat bekanntlich zum ersten Mal 1968 in George A. Romeros Night of the Living Dead auf und wird deshalb mit Fug und Recht Romero-Zombie genannt. Dabei ist die Verbindung zum Voodoo gar nicht mal so offensichtlich. Romero bezeichnete seine Kreaturen zunächst nicht als Zombies – erst im Drehbuch der Fortsetzung Dawn of the Dead fällt das Wort. Romero war von Richard Mathesons Vampirroman I Am Legend beeinflusst, in dem die Vampire keine einzelgängerischen Untoten sind, sondern sich in großen Gruppen bewegen. Man könnte also behaupten, dass der Romero-Zombie gar keine Weiterentwicklung des Voodoo-Zombies ist, sondern des Vampirs. Aber schon kurz nach dem Erscheinen von Night of the Living Dead begannen die Fans wie die Filmkritik, die darin vorkommenden Kreaturen Zombies zu nennen. Das hat auch seinen sachlichen Grund: Mit dem Voodoo-Zombie haben sie das Element der Willenlosigkeit gemein. Sie stehen zwar nicht unter dem Zwang eines Hexenmeisters, aber dafür unter dem ihrer unstillbaren Fressgier. Die zugrundeliegende Idee ist natürlich, dass die Romero-Zombies am untoten Leib verwesen, weshalb sie ihre kümmerliche Existenz nur durch die unablässige Zufuhr von Frischfleisch aufrecht erhalten können.

Wie Vampire gehören draugar und Zombies zur Familie der Revenants oder Untoten, der aus dem Grab zurückgekehrten Verstorbenen (und es gibt sicherlich noch viele weitere Arten von Revenants). Im nächsten Post will ich auf die Spezifica des Vampirs eingehen, die ihn von anderen Untoten unterscheiden.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Zwischenstand II)

Bevor ich in Zukunft näher auf einzelne Werke und ihre Autor_innen eingehe, möchte ich noch einmal in übersichtlicher Weise die wichtigsten Institutionen und Akteure der NS-Literaturpolitik referieren.

Die Nazis nahmen zum einen eine Art Elitenaustausch vor. Das lässt sich an der Gleichschaltung der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste illustrieren. Zahlreiche Schriftsteller_innen von Weltrang, darunter Alfred Döblin, die Brüder Mann und Franz Werfel, wurden zum Austritt genötigt und ins Exil gezwungen. Ihre Werke gingen bei den berüchtigten Bücherverbrennungen im Frühjahr 1933 in Flammen auf. Die Sektion Dichtkunst wurde in Deutsche Akademie der Dichtung umbenannt. Die freigewordenen Plätze wurden mit Schriftsteller_innen besetzt aus dem völkischen Milieu besetzt, die sich zumeist am Ziel ihrer Träume sahen: Waren sie zuvor eher milieubedingt rezipiert wurden, durften sie sich in ihrer Eitelkeit nun einbilden, wohlverdiente Plätze auf dem Parnass der deutschen Literatur eingenommen zu haben. Natürlich revanchierten sie sich umgehend bei der NS-Führung, und zwar durch einen Akt der Schleimerei. Ein »Gelöbnis treuester Gefolgschaft« wurde abgefasst und von 88 Schriftsteller_innen unterschrieben. Daneben versuchten die Nazis, bedeutende Literat_innen durch Ehrungen und prestigeträchtige Ämter für sich zu gewinnen. Ein Gottfried Benn etwa ließ sich darauf bereitwillig ein. Gerhart Hauptmann wahrte dagegen eher Distanz.

Das Ziel der NS-Literaturpolitik lag in einer möglichst umfassenden Kontrolle sämtlicher Aspekte des Literaturbetriebs durch Staat und Partei. Dem Reichspropagandaministerium unter Joseph Goebbels unterstand die Reichskulturkammer, der eine Einzelkammer für Literatur angegliedert war. Dieser Reichsschrifttumskammer mussten sämtliche Personen angehören, die in irgendeiner Weise mit dem Schreiben, der Herstellung und dem Vertrieb von Büchern befasst waren. Eine Nichtmitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer kam einem Berufsverbot gleich. Auch darüber hinaus gab es umfassende Zensurmöglichkeiten. Das Reichspropagandaministerium unterhielt eine »Liste des unerwünschten und schädlichen Schrifttums«, die für die Öffentlichkeit nicht einsehbar war. Verboten werden konnten Einzelwerke ebenso wie das Gesamtwerk von unerwünschten Autor_innen. Ebenfalls eingeschränkt werden konnten Übersetzungen und der internationale Vertrieb von Büchern.

Neben dem Reichspropagandaministerium konnte auch die SS unter Heinrich Himmler Bücher verbieten lassen. Das war in der Präambel von Goebbels’ Zensurliste ausdrücklich festgelegt. Diese zusätzlichen Bücherverbote wurden vom SS-Reichssicherheitshauptamt ausgesprochen, dem der SD (als Geheimdienst) und die Gestapo (als politische Polizei) unterstanden.

Der erbitterte Konkurrent des Reichspropagandaministeriums war, wie verschiedentlich erwähnt, Alfred Rosenberg als »Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Erziehung der NSDAP«. Rosenbergs Amt war allerdings keine staatliche Behörde, sondern eine Dienststelle der Partei. Bücher verbieten konnte sie deshalb nicht. Rosenberg war es ein Dorn im Auge, das Goebbels relativ großzügig verfuhr, wenn Schriftsteller_innen sich nicht regimekritisch äußerten und sich in den Apparat seines Ministeriums einspannen ließen.* Er war der fixen Überzeugung, dass literarisches Können ›rassisch‹ bedingt sei. Diejenigen Autor_innen, die 1933 eine plötzliche Kehrtwende vollzogen oder sich in der Folge dem NS-Literaturbetrieb anpassten, konnten in Rosenbergs Augen nur Wölfe im Schafspelz sein, die dem deutschen Faschismus bei der erstbesten Gelegenheit in den Rücken fallen würden. Das Amt Rosenberg unterhielt deshalb eine Dienststelle für »Schrifttumspflege« unter der Leitung von Hans Hagemeyer. Diese Dienststelle ordnete sämtliche Neuerscheinungen penibel danach, ob sie von der Partei zu fördern seien oder nicht. Außerdem gab sie die Zeitschrift Bücherkunde heraus, mit der die Lesegewohnheiten von Partei und Bevölkerung beeinflusst werden sollten.

Die Kompetenzen des Amtes Rosenberg überschnitten sich mit denen der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums (PPK), die vom Chef der Führerkanzlei der NSDAP, Philipp Bouhler, geleitet wurde. Die PPK sollte sicherstellen, dass Autor_innen sich nicht ohne Genehmigung als offizielle Stimmen der NSDAP gerierten (etwas, das viele offenbar nur allzu gern taten). Dahinter steht die Tatsache, dass die NSDAP selbst ein einflussreicher ökonomischer Player im Bereich Literatur und Publizistik war. Sie unterhielt mit dem Eher Verlag einen parteieigenen Verlag mit angeschlossener Buchhandlung, der sich mit der Zeit zu einem gigantischen Medienunternehmen entwickelte. Als Verlagschef fungierte Max Amann, der Reichspresseleiter der NSDAP. Erfolgreichste Veröffentlichung bei Eher war natürlich Mein Kampf. Amann und Hitler verdienten sich mit Hilfe ihres hauseigenen Medienkartells dumm und dämlich. Der PPK kam insofern die Aufgabe zu, unerwünschte Konkurrenz auf dem Bücher- und Pressemarkt auszuschalten. Da das Amt Rosenberg für die inhaltliche Überwachung der nationalsozialistischen Literatur zuständig war, kam es immer wieder zu Rangeleien zwischen Bouhler und Rosenberg.

Es gab also nicht weniger als vier verschiedene Machtzentren im NS-Staat, die sich der Kontrolle des Literaturbetriebs verschrieben hatten: das Reichspropagandaministerium bzw. die Reichsschrifttumskammer unter Gobbels, die SS unter Himmler, das Amt Rosenberg und die PPK unter Bouhler. Das ist typisch für die polykratische Struktur des Dritten Reiches, in der Behörden und Institutionen mit unklar begrenzten Zuständigkeiten miteinander konkurrierten und insofern von der persönlichen Gunst Hitlers abhängig waren.

Nun sind noch einige Worte darüber zu verlieren, wie die von der NS-Führung gewünschte und geförderte Literatur eigentlich aussah. Schriftsteller_innen, die das Wohlwollen von Staat und Partei genossen, wurden regelmäßig mit Pöstchen im Kulturbetrieb, Preisen und Ehrungen belohnt. Die Romane und Erzählungen, die sie schrieben, gehörten zumeist spezifischen Genres an: historische Romane, Familienromane, Kolonialromane, Kriegsromane und Bauernromane. Die Crux ist, dass diese Werke meist einer irrationalistischen Blut-und-Boden-Metaphysik verhaftet sind, von ihren Schöpfer_innen und der offiziellen Literaturpolitik aber als durch und durch realistisch angesehen wurden. Das ist nur konsequent. Wenn alles, was Menschen tun und lassen, ›rassisch‹ bedingt ist, dann gehen auch fiktionale Weltdarstellungen unmittelbar aus der Biologie ihrer Autor_innen hervor und können gar nicht anders als Abbildungen der Realität sein. Dass diese Realität eine wahnhafte ist, lässt sich aus der Binnenperspektive selbstverständlich nicht erkennen.

Phantastische Literatur konterkariert diese verquere Realismusauffassung. Ihre Autor_innen waren deshalb im Dritten Reich nicht eben wohlgelitten. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt gemeinhin als Hochzeit phantastischer Literatur in deutscher Sprache. Dafür stehen Namen wie Gustav Meyrink, Alfred Kubin oder Leo Perutz. Eine ganze Reihe von Vertreter_innen dieser Phantastik sympathisierte offen mit dem Nationalsozialimus: Hanns Heinz Ewers war Parteimitglied und schrieb Propagandaromane. Karl Hans Strobl und Thea von Harbou waren ebenfalls Parteimitglieder. Franz Spunda gehörte dem NS-Lehrerbund an. Willy Seidel unterzeichnete das »Gelöbnis treuester Gefolgschaft«.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die NSDAP das Liebäugeln der Phantast_innen mit dem Faschismus keineswegs mit Gegenliebe beantwortete. Ihre Romane wurden von der Regimepresse oft als triebhaft, dekadent und sensationsgierig geschmäht. Unmittelbar nach der Machtübernahme stellte ein Berliner Bibliothekar in vorauseilendem Gehorsam eine schwarze Liste von Büchern zusammen, die dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund übergeben werden sollte, gleichsam zur Koordination der Bücherverbrennungen.** Bereits diese Liste enthält Verbotsforderungen gegen Alexander Moritz Frey, Gustav Meyrink, Hanns Heinz Ewers und Alexander Lernet-Holenia.

Nicht unamüsant ist der Fall Ewers. Fasziniert von Rausch und Erotik, sa er als literarische Vorbilder Hoffmann, Heine und Wilde an. Seine Weltanschauung bildete eine krude Mischung aus Philosemitismus und Deutschlandmystik. 1931 trat er in einem unverhohlen opportunistischen Akt der NSDAP bei und schrieb darauf die Propagandaromane Reiter in deutscher Nacht und Horst Wessel. Seine (ziemlich illusionäre) Hoffnung war, die Partei werde ihn im Fall der Machtübernahme zum hochrangigen Kulturfunktionär machen. 1934 dämmerte den Tugendwächtern des neuen Systems dann, was für einen zweifelhaften Propagandisten sie ihrem spießbürgerlichen Publikum zugemutet hatten. Ewers’ Bücher, mit Ausnahme der beiden Propagandaromane, wurden aus dem Verkehr gezogen; der Autor mit einem generellen Publikationsverbot belegt.

Letztlich gab es nur zwei namhafte Vertreter_innen der deutschsprachigen Phantastik, die vom Regime wirklich gefördert wurden. Der Österreicher Karl Hans Strobl war schon vor dem »Anschluss« ein begeisterter Nazi. Belohnt wurde er damit, dass er die Wiener Landesleitung der Reichschrifttumskammer übernehmen durfte. Thea von Harbou wurde 1933 Vorsitzende des gleichgeschalteten Verbandes deutscher Tonfilmautoren. 1940 trat auch sie der NSDAP bei. In beiden Fällen vermute ich allerdings, dass die Förderung nichts mit der Phantastik zu tun hatte: Strobl war auch als Verfasser von typisch völkischen Kriegs- und Studentenromanen bekannt. Und von Harbous Prominenz beruhte stark auf ihrer Bedeutung als Drehbuchautorin und Regisseurin.

Die abschließende Frage ist, welches der verschiedenen Machtzentren der NS-Literaturpolitik einer faschistischen Mythopoeia am ehesten günstig war. Ich habe bereits gezeigt, dass Rosenberg mit seinem Mythus des 20. Jahrhunderts dafür kaum in Frage kommt. (In der Tat sah Rosenberg sich als Hüter des Realismus in der deutschen Literatur an. Wo er sich im Mythus konkret mit der Frage beschäftigt, welche Autoren eine Vorbildfunktion für die NS-Literatur haben könnten, nennt er folgerichtig Keller, Raabe und Meyer.) Mein nächster Post in dieser Reihe wird zeigen, dass eine eigenständige faschistische Mythopoeia sich am stärksten im Umfeld der SS entwickeln konnte.

* Das zeugt natürlich nicht von einer humanen Gesinnung, sondern davon, dass Goebbels den propagandistischen Wert von Schriftsteller_innen erkannte, die keine überzeugten Nazis waren. Goebbels war klar, dass es zu einer vollständigen kulturellen Einkapselung gekommen wäre, wenn ausschließlich die Überzeugten für andere Überzeugte geschrieben hätten. Genau das war aber Rosenbergs Ziel.
** Diese Liste kam allerdings nicht zum Einsatz. Die faschistischen Nachwuchsakademiker wussten auch so, welche Bücher sie abfackeln wollten. Als offizielles Zensurinstrument wurde dann die oben erwähnte Liste des Reichspropagandaministeriums geschaffen.

Donnerstag, 28. September 2017

Lest alte Fantasy: The Castle of Iron

Heute gibt es einen Post, der den Titel dieser Reihe konterkariert: The Castle of Iron von Fletcher Pratt und L. Sprague de Camp ist ein Buch, das ich eigentlich lieber nicht lesen möchte, bzw. einmal angefangen ungefähr nach der Hälfte abgebrochen habe. Da es aber einen Ruf als Klassiker hat, lohnt es sich meines Erachtens doch, einige Worte darüber zu verlieren.

The Castle of Iron ist der zweite Band von Pratts und Sprague de Camps Harold-Shea-Zyklus. Der erste Band, The Incompleat Enchanter, besteht aus zwei Erzählungen, die 1940 zunächst im Fantasy-Magazin Unknown erschienen, bevor sie im Jahr darauf als Buch gedruckt wurden. Im gleichen Jahr, 1941, erschien auch The Castle of Iron in Novellenlänge in Unknown. Für die Buchausgabe (erstmals 1950) erweiterten die beiden Autoren ihre Geschichte zum Roman. Mit Wall of Serpents erschien 1960 ein dritter Band über Harold Shea, der wiederum aus zwei Erzählungen besteht.

Das Konzept der Harold-Shea-Geschichten ist schnell erklärt. Shea ist ein hemdsärmeliger Psychologe aus den USA, der mit Hilfe »symbolischer Logik« ein »Syllogismobil« heraufbeschwören kann, das als eine Art Portal in sämtliche mythologischen und fiktionalen Welten fungiert. (Man kennt diese Vorstellung aus anderen Werken der US-amerikanischen Fantasy, u.a. von John Myers Myers und Robert A. Heinlein.) Mit seinen Kollegen Reed Chalmers, Walter Bayard und Vaclav Polacek erlebt Shea in diesen Welten alle möglichen und unmöglichen Abenteuer. Der erste Band spielt in der Welt der Eddas und der Faerie Queene, der zweite in der des Orlando Furioso (mit einem kurzen Abstecher nach Xanadu), der dritte in der irischen Mythologie und der Kalevala. Die Nomenklatur finde ich übrigens ziemlich unglücklich: Mir ist nicht klar, was das Ganze mit symbolischer Logik und mit Syllogismen zu tun haben soll.

Die Harold-Shea-Geschichten sind das Produkt einer spezifischen Entwicklung in der US-amerikanischen Fantasy. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hatte es auf der einen Seite Pulp-Übermenschen wie Tarzan, John Carter oder Conan den Cimmerier gegeben, auf der anderen Seite Geschichten à la Lovecraft, die von »mystical rhapsodies, crabbed lore, and deep dark dreads« (David Pringle) handeln. In den dreißiger und vor allem den vierziger Jahren verloren diese Geschichten (auch wenn sie nicht verschwanden) etwas von ihrem Appeal. Ich vermute, das Problem lag darin, dass die Pulp-Heroen quasi jedes Problem mit roher Kraft lösen konnten, während auf der anderen Seite die Lovecraftschen Protagonisten Abenteuer erlebten, die »never stories of triumph, [but] merely of surviving the confrontation« waren, wie Raymond E. Feist es einmal ausdrückte. Das kann man in der Tat als einen Mangel sehen. Vor dem Hintergrund der Great Depression und des Zweiten Weltkriegs kam ein Bedürfnis nach Heldinnen und Helden auf, die dem Übernatürlichen als Allerweltstypen entgegentreten und dank ihres sturen Rationalismus schnell merken, dass Magie auch nur eine etwas verquere Art von Ingenieurswissen ist. Dank dieser Erkenntnis sind kaugummikauende all-American boys dann auch schnell in der Lage, die Geschöpfe der Magie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. In der Tat gründete John W. Campbell sein Fantasy-Magazin Unknown (1939–43), um exakt diese Ideologie zu verbreiten.

Geschichten dieses Typs weisen in der Regel eine Schlagseite zum Klamauk auf. The Castle of Iron wird deshalb bis heute als ein Meisterwerk humoriger Fantasy gepriesen. Ich würde allerdings das genaue Gegenteil behaupten: Etwa zur gleichen Zeit mit der Harold-Shea-Reihe entstanden Werke wie die Geschichten James Thurbers oder Tolkiens Farmer Giles, die bis heute nichts von ihrem Witz verloren haben – weil sie auf einer ernsthaften Grundlage ruhen. Eine solche geht The Castle of Iron völlig ab. Das Buch liest sich wie eine Aneinanderreihung bierseliger Einen-hab-ich-noch-Schenkelklopfer, bei denen man höchstens vor Ungläubigkeit lacht.

Das heißt, wenn es nicht völlig in die Geschmacklosigkeit abdriftet. Ludovico Ariostos Orlando Furioso oder Rasender Roland (1516) ist bekanntlich eine Version der matière de France, d.h. es geht um den Kampf Kaiser Karls und seiner Paladine gegen spanische Muslime. So wird man in The Castle of Iron gleich zu Beginn informiert, dass Muslime Menschen mit »eigenartigen moralischen Maßstäben« und einer Vorliebe für Sodomie sind, und wenig später erklärt Shea auch, warum: »Nach allen bekannten Korrelationen müßten in einer vollkommenen Moslemgesellschaft, in der alle ehrenwerten Frauen eingeschlossen werden, abnormales Sexualverhaltensweisen die Regel sein.«* Besonders dümmlich wird es immer dann, wenn es um Sheas Kollegen Vaclav Polacek geht. Der ist Tscheche, trägt den Spitznamen »Votsy« und tätigt Ausrufe wie »Bei Sankt Wenzel!«. Teil der Handlung ist er nur deshalb, damit er sich in jeder Situation wie ein vollkommener Idiot verhalten kann. Seine Kollegen nennen ihn »the Rubber Czech« – ein Wortspiel mit einem rubber cheque oder geplatztem Scheck, das in der deutschen Übersetzung gnädigerweise verloren geht.

Kurz gesagt: In meinen Augen wäre es für ein Buch wie dieses ein Glücksfall, vergessen zu werden. Schon allein deshalb, weil es schade wäre, wenn das Gesamtwerk Fletcher Pratts hinter diesem schlechten Witz verschwinden würde.

* Ich zitiere die deutsche Übersetzung von Bernd W. Holzrichter. Das Original liegt mir derzeit leider nicht vor.

Montag, 25. September 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Zwischenstand)

Teil 1 · Teil 2 · Teil 3 · Teil 4

Es ist Zeit für eine kurze Rekapitulation. Die Frage ist immer noch, wie faschistische Fantasy aussehen und woher sie kommen könnte. Dabei habe ich die Bezeichnung Fantasy aus Gründen der Griffigkeit gewählt. Angemessener wäre es, von mythopoetischer Literatur zu sprechen.* Bisher habe ich mich vor allem mit den nationalsozialistischen Neo-Mythen sowie der völkischen und nazistischen Rezeption der germanischen Mythologie befasst. Das wird auch noch weitere Auseinandersetzung erfordern. Ich möchte aber von jetzt an den Argumentationsgang gelegentlich unterbrechen, um ich einzelnen Autor_innen und Werken zuzuwenden.

Bisher kamen folgende literarischen Strömungen, Traditionen und Einflüsse vor:

1. Märchen

Nur beiläufig erwähnt habe ich, dass in der Weimarer Republik eine äußerst lebendige Märchenszene existierte. Im Dritten Reich kam die Märchenproduktion fast zum Erliegen. Ihre Nachfolge wurde von einer »ideologischen Rezeption des Volksmärchens« angetreten, die in ihm »Zeugnisse nordischer Weltanschauung« entdecken wollte.** Einzelne nationalsozialistische Autoren, die dennoch eigene Märchen schrieben, waren Hans Friedrich Blunck, Hermann Stehr und Will Vesper. Diesen spezifisch völkischen Märchen wird noch Aufmerksamkeit zu schenken sein.

2. Heftromane

Im Dritten Reich gab es abenteuerlich-phantastische Heftromanserien. Als Beispiel habe ich Sun Koh, der Erbe von Atlantis von Paul Alfred Müller alias Lok Myler genannt. Es hat sich gezeigt, dass die angebliche Herkunft der arischen ›Rasse‹ aus Atlantis fast so etwas wie ein Glaubensartikel im Nationalsozialismus war. Zudem war Müller/Myler nur allzu gern bereit, seine Serie entsprechend der ideologischen Vorgaben des Regimes zu gestalten. Dennoch war die angeblich jugendschädigende Wirkung von Heftromanen fester Bestandteil der NS-Propaganda.

3. Die Welteislehre

Die Welteislehre (WEL) oder Glazialkosmogonie ist eine pseudowissenschaftliche Doktrin, die von dem österreichischen Ingenieur Hanns Hörbiger entwickelt wurde. Sie behauptet, das Universum sei aus Eis als Urstoff entstanden. Führende Repräsentanten des NS-Regimes, insbesondere Heinrich Himmler, förderten die Welteislehre nach Kräften. Auf Grundlage der WEL entstanden im Dritten Reich verschiedene phantastische Romane. Diese konnten sich als Wissenschaft im unterhaltsamen Gewand darstellen und wurden offenbar auch so rezipiert. Einen zentralen Autor aus der WEL-Bewegung habe ich bereits genannt: Edmund Kiss. Auf ihn und sein Werk möchte ich noch detaillierter eingehen.

* In den 1930er Jahren entwickelten J. R. R. Tolkien und C. S. Lewis den Begriff Mythopoeia für die Art von Literatur, die heute Fantasy genannt wird.
** Mathias Meyer/Jens Tismar, Kunstmärchen (Sammlung Metzler 155), Stuttgart/Weimar ³1997, 150.

Freitag, 8. September 2017

Modern Fairy Tales: John Ruskin

Einen Moment Aufmerksamkeit bitte für meine Reihe über das Oxford Book of Modern Fairy Tales. Im letzten Eintrag ging es um Nathaniel Hawthorne. Nun einige Worte über The King of the Golden River or The Black Brothers von John Ruskin.

Ruskin schrieb dieses Märchen 1841 für die damals zwölfjährige Effie Gray, die Ruskin später heiratete. In Buchform veröffentlicht wurde es erst 1851. The King of the Golden River stellt mich an dieser Stelle vor ein Problem: Es wäre viel (sehr viel) darüber zu sagen, was hier nicht möglich ist, ohne den Rahmen zu sprengen. Ich beschränke ich deshalb, anders als in den vorhergehenden Einträgen, auf ein paar allgemeine Hinweise und gebe keinen Interpretationsversuch von Ruskins Text. Zu John Ruskins Leben und Werk, sozialgeschichtlich eingebettet, empfehle ich den zweiten Teil der auf Skalpell und Katzenklaue erschienenen Artikelreihe über den romantischen Antikapitalismus.

Mein Vorgehen rechtfertige ich zudem damit, dass The King of the Golden River eines der Werke ist, das man am besten zunächst einfach liest, wenn man es in die Geschichte des modernen Kunstmärchens und der Fantasy einordnen möchte. Die Bezüge springen ins Auge, deshalb gebe ich nur einige thesenhafte Hinweise:
  1. The King of the Golden River ist, viel mehr als die meisten anderen Kunstmärchen, vom Vorbild der Brüder Grimm geprägt. Es lässt sich als Versuch lesen, dem Ton des folk-haften, den die Grimmschen Märchen in die Literatur eingebracht haben, so nahe wie möglich zu kommen.
  2. Ruskin selbst verfasste später ein Vorwort zu einer englischen Ausgabe der Grimmschen Märchen, in dem er eine distanzierte Haltung zum Kunstmärchen einnimmt, das nie wirklich an das ›echte‹ Märchen herankommen könne. Indem er selbst zunächst ein Kunstmärchen verfasste, konterkarierte Ruskin also seine eigene Haltung.
  3. Mit vielen heutigen Märchenforscher_innen gehe ich davon aus, dass die strikte Unterscheidung zwischen Volks- und Kunstmärchen nicht aufrecht erhalten werden kann. Es gibt immer eine Überlieferung auf der einen Seite, den Beitrag kreativer Individuen (ob man sie namentlich kennt oder nicht) auf der anderen Seite.
  4. Ruskin war aber einer richtigen Sache auf der Spur. Kunstmärchen wirken schnell gekünstelt, wenn sie sich ignorant gegenüber der Folklore verhalten. Das Kunstmärchen wie die Fantasy leben davon, dass sie ihre Schlösser aus echten Steinen bauen, wie Daniel Kehlmann es einmal auf den Punkt brachte.
  5. Von besonderem Interesse für die nachfolgende Geschichte der Fantasy ist, dass in The King of the Golden River mit South West Wind, Esquire eine Gestalt auftaucht, die bereits (gerade in ihren Umgangsformen) an die exzentrischen Mentorenfiguren Tolkiens wie Gandalf und Bombadil erinnert – übernatürliche Helfer, die stets Rat wissen, aber auch ihre eigenen verborgenen Pläne wirken.
Und eine persönliche Anmerkung zum Schluss: Zwerge! In The King of the Golden River tritt ein Zwerg auf. Ich bin ein kleiner Zwergenfan.

Hier findet man The King of the Golden River im Project Gutenberg. Nächstes Mal geht es weiter mit Frances Browne.

Montag, 21. August 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Teil IV)

Im letzten Post dieser Reihe zählte ich verschiedene Neo-Mythologien auf, die zum ideologischen Grundbestand des Nationalsozialismus gehörten. Gemein war diesen Neo-Mythologien, dass sie »die uralte Herkunft und spirituelle Überlegenheit des ›Ariers‹« (Rüdiger Sünner) belegen sollten. Die Bezugnahme auf den Atlantismythos diente der Behauptung des hohen Alters der arischen ›Rasse‹, deren Urheimat Atlantis gewesen sein soll. Postuliert wurde eine prähistorische Hochzivilisation im Nordwesten, die selbst der ägyptischen und der mesopotamischen Zivilisation vorausgegangen sei. Die Welteislehre, eine pseudowissenschaftliche Theorie, die die Entstehung des Kosmos zu erklären behauptet, diente dazu, den arischen Menschen als eine Art höheres Wesen darzustellen, vom Himmel herabgestiegen wie die Engel.

Vordergründig geht es mir aber immer noch um die Frage, wie es die Nazis mit den alten German_innen hielten. Fest steht, dass einige NS-Chefs der deutschen Vorgeschichte eher Desinteresse entgegen brachten. Andere dagegen berauschten sich an der Vorstellung, im deutschen Boden könnten jahrtausendealte Kulturgüter schlummern, die mindestens die Gleichwertigkeit der German_innen mit den Mittelmeerzivilisationen beweisen würden. Ein Buchtitel zu diesem Thema spricht durchaus passend von Himmlers Germanenwahn. Stillschweigend vorausgesetzt wurde dabei, dass die alten German_innen tatsächlich die Vorfahren der heutigen Deutschen sind. Letztlich wurde so getan, als ob die Vorfahren der heute in Deutschland lebenden Menschen mindestens seit der Schlacht im Teutoburger Wald zwischen Rhein und Oder festgesessen hätten.

Für die NS-Wissenschaft warf das allerdings ein Problem auf. Die frühesten Erwähnungen von German_innen in römischen Texten stammen aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. Wie passt das mit dem angeblich prähistorischen Alter der arischen ›Rasse‹ zusammen, deren deutsche Dependance die German_innen sein sollten? Einen Lösungsversuch unternahm der Archäologe Gustaf Kossinna (1858–1931), der Gründer der Deutschen Gesellschaft für Vorgeschichte. Diese ließ sich 1933 gleichschalten und nannte sich in Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte um. Kossinna behauptete, eine archäologische Methode entwickelt zu haben, mit deren Hilfe die alten German_innen sich mindestens bis in die Bronzezeit zurückverfolgen ließen – wenn nicht noch weiter zurück. Die Nazis griffen Kossinnas Ansatz dankbar auf: Wenn man nur lang genug im Nebel der Vor- und Frühgeschichte herumtappte, ließ sich irgendwann auch ohne allzu große Schmerzen von Welteis und Atlantis fabulieren.

So erfanden sich die Nazis ihre eigenen German_innen, die um einiges älter waren als die, die der seriösen Historie bekannt sind. Beliebt waren Versuche, die steinzeitlichen Hünengräber und sogar die Anlage von Stonehenge als Beispiele germanischer Baukunst auszugeben. So etwa in dem unfrewillig komischen Propagandafilm Germanen gegen Pharaonen von 1939:



Kann man sagen, dass der Nationalsozialismus eine Art germanischer Rekonstruktionismus war, ein Revival germanischen Heidentums im 20. Jahrhundert? In dieser Allgemeinheit wäre das völlig unzutreffend. Einzelne Institutionen und Akteure innerhalb des NS-Herrschaftsgefüges trugen sich aber durchaus mit solchen Absichten. Das gilt insbesondere für Heinrich Himmler und die SS. Der Reichsführer-SS unterhielt mit dem Deutschen Ahnenerbe einen Forschungsverein, dessen Zweck u.a. darin bestand, sich mit »Germanenkunde« zu befassen. Der in Himmlers Umfeld blühende Obskurantismus führte allerdings dazu, dass aus Parteikreisen immer wieder der private Charakter des Ahnenerbes betont wurde. Man fürchtete, der Verein könne für eine offizielle Gliederung der NSDAP gehalten werden und diese in Verruf bringen.

Auffällig ist, wie in dieser »Germanenkunde« stets alles durcheinander geht: Das hohe Alter der germanischen Kultur ließ sich daran festmachen, dass die German_innen ja schließlich Stonehenge erbaut hatten. Die Fähigkeit dazu hatten sie, weil ihre Vorfahren direkt aus Atlantis kamen, was die German_innen zur reinsten Verkörperung der arischen oder nordischen ›Rasse‹ macht. Und wer immer noch nicht glaubt, welches hohe Wissen sie besaßen, kann doch in der Völuspá nachlesen, dass die Welt zur Zeit der Schöpfung aus Feuer und Eis bestand, was wiederum durch die Welteislehre glasklar bewiesen ist. So dient eine unsinnige Behauptung dazu, die nächste zu belegen. Ich vermute, dass es diese pseudowissenschaftliche Vorgehensweise war, die J. R. R. Tolkien veranlasste, die urgeschichtlichen Spekulationen einiger Nazis als »›Nordic‹ nonsense« zu bezeichnen.

Das leitet über zum Auftritt Carl Gustav Jungs (1875–1961). Der Begründer der Analytischen Psychologie hatte nicht nur einen profunden Einfluss auf die moderne Fantasy, sondern war auch seinerseits von H. Rider Haggards She inspiriert. 1936 veröffentlichte er seinen Aufsatz »Wotan. Sein Wiedererwachen im Dritten Reich«, der als unverhohlener Versuch gelesen werden kann, die Kulturpolitik der Nazis in seinem Sinne zu beeinflussen. Für Jung ist das germanische Erbe in den heutigen Deutschen höchst lebendig – sie wissen nur nichts davon. Im Mittelpunkt der Jungschen Psychologie steht bekanntlich die sogenannte Archetypenlehre. Archetypen sind nach Jung Symbole im kollektiven Unbewussten, die die Psyche von Individuen bestimmen, oftmals ohne dass diese etwas davon ahnen. Im Grunde ist Jungs Artikel ein Aufruf an die Nazis, die pseudowissenschaftliche, neo-mythologische Einkleidung ihrer Weltanschauung abzuwerfen und sich vorbehaltlos zu ihrer germanischen Seele zu bekennen.

Als den die NS-Politik prägenden Archetypen sieht Jung den germanischen Gott Wotan. Der sei durch die Christianisierung der German_innen nicht verschwunden, sondern nur ins kollektive Unbewusste verdrängt worden. Und wie alles Verdrängte kehrt Wotan im Dritten Reich mit um so größerer Gewalt wieder:
Daß aber in einem eigentlichen Kulturland, daß schon geraume Zeit jenseits des Mittelalters gewähnt wurde, ein alter Sturm- und Rauschgott, nämlich der längst im historischen Ruhestand befindliche Wotan, wieder, wie ein erstorbener Vulkan, zu neuer Tätigkeit erwachen könnte, das ist mehr als kurios; es ist geradezu pikant. [...] Der rastlose Wanderer Wotan, der Unruhestifter, der bald hier, dald dort Streit erregt oder zauberische Wirkung übt, war zuerst durch das Christentum in einen Teufel verwandelt worden und flackerte nur noch wie ein Irrlicht durch stürmische Nächte, als ein gespenstischer Jäger mit seinem Jagdgefolge, und auch dies nur in lokalen, immer mehr erlöschenden Traditionen. [...] Er ist ein Sturm- und Brausegott, ein Entfeßler der Leidenschaften und der Kampfbegier, und zudem ein übermächtiger Zauberer und Illusionskünstler, der in alle Geheimnisse okkulter Natur verwoben ist. [...] Man kann daher von einem Archetypus »Wotan« sprechen, der als autonomer seelischer Faktor kollektive Wirkungen erzeugt und dadurch ein Bild seiner eigenen Natur entwirft. Wotan hat seine eigentümliche Biologie, gesondert vom Wesen des einzelnen Menschen, der nur zeitweise vom unwiderstehlichen Einfluß dieser unbewußten Bedingung erfaßt wird. In den Ruhezeiten dagegen ist einem die Existenz des Archetypus Wotan so unbewußt wie eine latente Epilepsie. Hätten jene Deutschen, die 1914 schon erwachsen waren, gedacht, was sie 1935 sein würden? Solches aber sind die erstaunlichen Wirkungen des Windgottes, der weht, wo er will, und von dem man nie weiß, woher er kommt und wohin er geht, der alles ergreift, was ihm in den Weg kommt, und alles ergreift, was keinen Stand hat.*
Wie man sieht, verfügt Jung (anders als die Nazis) über wirkliche Sprachgewalt. Sein Artikel lässt sich als mythopoetische Programmschrift verstehen, die sich (anders als Rosenbergs Mythus) vorbehaltlos zu ihrem Charakter bekennt. Als Versuch, den Nationalsozialismus zu erklären, ist der »Wotan« aber höchst problematisch. Jungs Argumentation läuft darauf hinaus, die Deutschen von jeder Verantwortung für ihr Tun zu entlasten: »Wir Außenstehende beurteilen den gegenwärtigen Deutschen viel zu sehr als verantwortlich zu machenden Handelnden; es wäre vielleicht richtiger, ihn zum mindesten auch als Erleidenden zu betrachten.«** Wer von einem Archetypen ergriffen ist, meint Jung, kann nichts dafür, sondern befindet sich im Bann einer höheren Macht. Die Frage nach den sozialen, politischen und ideologischen Entstehungsbedingungen des Faschismus erübrigt sich dadurch.

Übrigens glaubt Jung auch, wenn der deutsche Faschismus sich nur wirklich auf den Wotan-Archetyp einließe, könne sie sich von einer massenmörderischen politischen Bewegung in eine Art dionysischen Kult verwandeln, der dann gewissermaßen als Ventil für die aufgewühlten Emotionen der deutschen Volksseele dienen werde:
Wenden wir unsere – zugegebenermaßen merkwürdige – Betrachtungsweise konsequent an, so müßten wir folgern, daß Wotan nicht nur seinen unruhvollen, gewalttätigen und stürmischen Charakter, sondern auch seine ganz andere, ekstatische und mantische Natur äußern müßte. Bestände dieser Schluß zu Recht, so wäre der Nationalsozialismus noch lange nicht das letzte Wort, sondern es wären in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten hintergründige Dinge zu erwarten, von denen wir uns jetzt allerdings noch schlecht eine Vorstellung machen können.***
Hätte Jung das mal einem Rosenberg erzählt, für den Ekstase und mantische Praktiken typische Erscheinungen des finsteren jüdisch-römisch-syrischen Geistes waren!

Ich weiß nicht, ob der durchschnittliche deutsche Kleinbürger 1935 wirklich so ergriffen war, wie Jung meint. Sonnte er sich nicht vielleicht eher in hämischer Selbstzufriedenheit darin, dass die Bolschewiken hinter Stacheldraht verschwanden, die entarteten Werke der »Asphaltliteraten« in Flammen aufgingen, die jüdische Nachbarsfamilie ihre Wohnung räumen musste und das öffentliche Leben wieder von Uniformgepränge und Hierarchien bestimmt war? Sozialpsychologisch gesehen muss der Nationalsozialismus vielleicht eher als die Entfesselung traditioneller deutscher Spießigkeit gesehen werden, nicht als das Erwachen eines uralten Archetypen. Es mag sein, dass der deutsche Faschismus von der Schweiz aus so magisch und transgressiv wirkte, wie Jung ihn beschreibt (Céline sah ihn von Frankreich aus ähnlich). Aus der Nähe betrachtet waren die Nazis wohl eher kleinlich, gierig, eitel und intrigant.

Jungs Versuch enthält zudem einen Schönheitsfehler: Es gab im Dritten Reich keine politische Kraft, die sich ernsthaft an die Umsetzung einer erneuerten germanisch-heidnischen Religiosität gemacht hätte. Jung wendet sich mit seinem Artikel vor allem an die Deutsche Glaubensbewegung und ihren Führer Jakob Wilhelm Hauer (1881–1962). Der Religionswissenschaftler Hauer hatte diese Organisation ins Leben gerufen, um eine völkische Alternative zu den herkömmlichen christlichen Konfessionen zu schaffen.
Ich würde daher der Deutschen Glaubensbewegung raten, nicht mehr allzu prüde zu tun. Verständige werden sie nicht mit den plumpen Wotangläubigen verwechseln, die bloß einen Glauben affektieren. Es gibt Vertreter der Deutschen Glaubensbewegung, die intellektuell und menschlich durchaus in der Lage wären, nicht bloß zu glauben, sondern auch zu wissen, daß der Gott der Deutschen Wotan ist und nicht der universale Christengott.†
Anders als Jung es haben wollte, war dieser Deutsche Glaube keineswegs allein germanisch-heidnisch, sondern plünderte auch altpersische und altindische Religionsquellen aus, um eine »artgemäße« oder »arteigene« Religion zu konstruieren.†† Hier kommt wieder die Vorstellung der arischen oder nordischen ›Rasse‹ ins Spiel. Wie sich bereits bei Rosenberg gezeigt hat, glaubte man daran, dass die verschiedenen ›Rassen‹ neben körperlichen auch »seelisch-geistige« Eigenarten aufwiesen. Da war es nur natürlich, dass auch die religiösen Gefühle der Menschen ›rassisch‹ bedingt sein mussten.

Im Fall der Deutschen Glaubensbewegung kam dabei ein höchst moderner mystischer Pantheismus heraus, der nach Überzeugung seiner Vertreter_innen aber genau das war, woran der nordische Mensch schon immer geglaubt habe. Um einen Eindruck davon zu vermitteln, zitiere ich die neun Gebote, die Hauer für seinen Deutschen Glauben formulierte:
1. Ehre die Gottheit.
2. Ehre deine Vorfahren und Nachkommen.
3. Ehre die Großen deines Volkes.
4. Ehre Vater und Mutter.
5. Halte dich rein.
6. Sei treu deinem Volk.
7. Stiehl nicht.
8. Sei wahr.
9. Helfe den Edlen.
Das soll nun die Kampfbegier und die Leidenschaften entfesseln, die Geheimnisse okkulter Natur offenbaren? Ein Sammelsurium aus religiös verbrämtem Nationalismus, faschistischem Elitedenken und christlicher Ethik? Das ist keine »Begegnung mit einem ebenso lebendigen wie abgründigen Stammesgott«,††† sondern gepflegte Langeweile. Zwar durchkämmten Hauer und andere eifrig die alten Quellen, um aus ihnen ihre »arteigene Religion« zu begründen. Auch trafen sie durchaus einen Nerv, denn die NS-Behörden ermöglichten es den Anhänger_innen des arteigenen Glaubens, in offiziellen Unterlagen anstelle der christlichen Konfessionen die Religionszugehörigkeit »gottgläubig« zu führen. Von dieser Möglichkeit machten viele überzeugte Nazis Gebrauch, auch wenn sie mit der Deutschen Glaubensbewegung nichts zu tun hatten. Deren allzu konstruierte Theologie machte ihr allerdings schwer zu schaffen. 1933 gegründet, zerfiel die Bewegung schon 1936 in eine Vielzahl konkurrierender Splittergruppen, von denen die meisten schnell bedeutungslos wurden. Die »arteigene Religion« war letztlich nur ein weiterer Neo-Mythos, den einige Nazis als Steckenpferd betrieben und dazu benutzten, um echte, alte Mythen zu fleddern und sich ihrer eigenen Überlegenheit zu versichern.

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* C. G. Jung, Wotan. Sein Wiedererwachen im Dritten Reich, in: Franz Alt (Hg.), Das C. G. Jung Lesebuch, Düsseldorf/Zürich ³2003, 205–220, hier 206.207.214.
** A.a.O., 219.
*** Ebd.
† A.a.O., 218f.
†† Anders als er glauben machen will, war Jung in dieser Sache keineswegs Außenstehender oder neutraler Ratgeber. Er stand mit Hauer in persönlichem Austausch und lud ihn zu Tagungen und Vorträgen ein.
††† A.a.O., 218.

Mittwoch, 16. August 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Teil III)

Der erste Teil dieser Reihe endete mit der Frage: Gibt es wirklich etwas, das den nordischen Geist edel macht, und die Aneignung der nordischen Mythologie durch die Nazis niederträchtig? Von entscheidender Bedeutung ist das deshalb, weil der ›nordische‹ Geist, oder genauer: Werke wie Beowulf, die Eddas, das Nibelungenlied, die Grimmschen Märchen und andere über Andrew Lang, William Morris, E. R. Eddison und J. R. R. Tolkien auf die moderne Fantasy eingewirkt haben wie kaum ein anderer Textcorpus. Und es hat sich im ersten Teil auch gezeigt, dass es gerade dieses ›nordische‹ Element ist, dass Fantasy für heutige Nazis anziehend macht. Spricht diese Affinität dafür, dass skandinavischen, englischen und deutschen Sagen und Märchen ein protofaschistischer Charakter zukommt? J. R. R. Tolkien und A. S. Byatt bestreiten das und sehen das ›nordische‹ Gehabe der Nazis als illegitime Aneignung an. Auch das könnte natürlich darauf hinauslaufen, dass ein Bewunderer des »noble northern spirit« wie Tolkien auf diese Weise lediglich seinen eigenen, vermeintlich besseren Nationalismus legitimieren will. Bevor ich dazu komme, möchte ich auf den Umgang der Nazis mit der germanischen Mythologie eingehen.*

Hatten die Nazis einen Germanenfimmel? Auf heutige Nazis trifft das zweifellos zu. In der Ikonographie der neonazistischen Szene wimmelt es nur so von Runen und Thorshämmern. Neo-heidnisch orientierte Nazis behaupten, eine Religion namens Odinismus zu praktizieren. Rechtsrock-Bands heißen Sleipnir, Ultima Thule oder Ragnaröck und schreiben unfreiwillig komische Stücke wie »Wotan strafe England«. Nimmt man analoge Äußerungen der Führungsriege des historischen Nationalsozialismus in den Blick, ergibt sich ein heterogenes Bild. Einige, wie Himmler, hatten zweifellos einen Germanenfimmel. Hitler dagegen ließ 1942 über die germanische Vergangenheit verlauten: »In einer Zeit, wo die andern schon Steinstraßen besaßen, hat unser Land Zeugnisse einer Kultur nicht aufzuweisen.«

Es ist eher ein Zerrbild als eine zutreffende Beschreibung, wenn man annimmt, die Nazis hätten allesamt in Vorstellungen einer mythischen germanischen Vorzeit geschwelgt. Natürlich versuchte die deutsche Archäologie sich beliebt zu machen, indem sie überall in der Provinz den Boden durchwühlte, um vielleicht doch noch zu beweisen, dass diesseits des Limes eine mit Rom und Griechenland vergleichbare Hochkultur geherrscht habe. Aber man verkennt den Faschismus, wenn man ihn für eine rein vergangenheitsorientierte Ideologie hält. Faschistische Regimes prahlten nicht nur mit der glorreichen Vergangenheit, sondern stets auch mit den Leistungen von Technik und Wissenschaft, die unter ihrer Ägide angeblich gewaltige Fortschritte machten. Der Zukunftsroman, eine deutsche Parallelentwicklung zur Science Fiction in den USA, war im Dritten Reich ein weitverbreitetes Genre. Goebbels sah es gern, wenn die Deutschen über die heroischen Kraftanstrengungen von Ingenieuren und Erfindern lasen.

Rätselhaft ist es schon: Hitler war bekanntlich ein glühender Wagner-Verehrer. Schon früh in seiner Karriere fand er Zugang zu dem Kreis, der sich um Wagners Witwe Cosima (1837–1930) und ihren Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain (der bereits im letzten Post als Rassenkundler aufgetreten ist) im Haus Wahnfried gebildet hatte. Dieser Kreis arbeitete kräftig daran, die antisemitischen Elemente in Wagners Werk herauszustellen, und hatte damit einigen Einfluss auf Hitler. Aber wenn dem so war, warum entstand dann im Dritten Reich kein einziges Werk, dass auch nur dem Versuch nach mit dem Ring des Nibelungen (oder auch Fritz Langs Film Die Nibelungen von 1924) vergleichbar wäre? Jedenfalls ist mir kein derartiger Versuch bekannt, ob in Literatur oder Film.

»Nibelungentreue« war ein Kampfbegriff des Nationalsozialismus. Nach der Schlacht von Stalingrad hielt Göring eine Rede, in der er die Situation der eingekesselten deutschen, italienischen, rumänischen und ungarischen Truppen mit den Nibelungen im brennenden Saal der Etzelburg gleichsetzte. Vielleicht hilft diese Bezugnahme auf germanische Mythologie bei der Lösung des Rätsels: Göring sprach propagandistisch. Das geht mit einer gewissen Austauschbarkeit des Inhalts einher. Wäre er kein deutscher, sondern französischer Faschistenführer gewesen, hätte er sich vielleicht auf Jeanne d’Arc statt auf die Nibelungen berufen. Tatsächlich war aus nationalsozialistischer Sicht Politik und Propaganda gleichzusetzen. Hitler konnte sich lange Zeit unter Politik nichts anderes vorstellen, als vor einer jubelnden Menschenmenge eine Rede zu halten. Das hatte weitreichende Folgen für das Kunstverständnis der Nazis. Die wuchtigen Skulpturen eines Arno Breker (1900–91), die Monumentalarchitektur Speers, die Inszenierung der Reichsparteitage, die Lobgedichte auf Hitler – sie alle zielten unmittelbar auf eine propagandistische Wirkung ab. Wer wie der Faschismus eine »Ästhetisierung der Politik« (Walter Benjamin) betreibt, vermag damit Menschenmassen aufzuputschen, verliert aber allzu leicht den Sinn für den Unterschied von Propaganda und Kunst.

Folgerichtig war staatlich geförderte Literatur im Nationalsozialismus überwiegend Tendenzliteratur. Sie hatte die Verbundenheit mit Blut und Boden, die Aufopferung für die Volksgemeinschaft positiv darzustellen. Echte mythopoetische Literatur enthält aber immer ein Element des l’art pour l’art. »The prime motive was the desire of a tale-teller to try his hand at a really long story«, lautet Tolkiens lakonische Erklärung, warum er The Lord of the Rings geschrieben habe. Ein Rosenberg ätzte dagegen, es könne nicht angehen, dass ein Roman »aus artistischem Wohlgefallen heraus« geschrieben werde. Und die Zeitschrift Die Literatur tönte 1940, wer ein Buch schreibe, habe sich »unter den selbstverständlichen Leitgedanken des Dienstes, des Uniformtragens« zu stellen. Da nimmt es nicht wunder, wenn die lyrischen Ergüsse nationalsozialistischer Dichter_innnen mitunter so aussahen:
Deutsche Jugend, werde mir wieder blond,
Laß aus blauen Augen, vom Stahl durchsonnt
Inneren Feuers, den wahren Himmel leuchten!
Wieder auf zarter Wange in schöner Glut
Glühe das götterhafte Germanenblut,
Rein von den trüben Tropfen, die es durchseuchten!
Diese Verse stammen von Otto Hauser (1876–1944), dem Verfasser so unsterblicher Werke wie Atlantis. Der Untergang einer Welt. Epos der Rasse in 20 Gesängen (1920) und Der blonde Mensch (1921). Sie wurden 1934 in der Zeitschrift Rasse und Politik publiziert.

Natürlich lässt sich nicht jede einzelne nationalsozialistische oder völkische Bezugnahme auf germanische Mythologie als Propaganda beschreiben. Der instrumentelle Charakter der Propaganda gibt aber den entscheidenden Hinweis: Die Nazis verwendeten die mythologischen Quellen auf instrumentelle Weise. Geht es zum Beispiel um die Eddas, fehlte oft jeder Hinweis auf den literaturgeschichtlichen Kontext (dass diese Werke in Island entstanden sind, dass sie aus dem Mittelalter stammen etc.). Sie galten als Schriften, denen man weltanschauliches Material entnehmen konnte. Dass etwa Snorri seine Edda nicht als System von Glaubensüberzeugungen schrieb, sondern als Poetik, interessierte dabei nicht. »Den völkischen Esoterikern der Jahrhundertwende war [...] nicht nach sensibler Mythen-Interpretation zumute, sondern sie wollten aus ihren Bildern zwingende Beweise für die uralte Herkunft und spirituelle Überlegenheit des ›Ariers‹ herauspressen.«** Dass die arische ›Rasse‹ uralt sei und geistig und körperlich allen anderen überlegen – das sind selbst schon mythische Konzepte, allerdings solche, die in der Moderne entstanden sind. Man spricht deshalb von Neo-Mythologien.

Typisch für Neo-Mythologien ist, dass sie sich für wissenschaftlich oder tatsachenorientiert ausgeben. Die Rassenkunde lässt sich als eine solche Neo-Mythologie beschreiben. Es gibt daneben aber auch noch weitere Neo-Mythologien, die die Nazis inspirierten:
  • die Glazialkosmogonie oder Welteislehre Hanns Hörbigers,
  • der sogenannte Nationalatlantismus,
  • der Mythos vom Weltjudentum, wie er vor allem in den Protokollen der Weisen von Zion zum Ausdruck kommt,
  • und die Vorstellung einer »arteigenen« Religion.
In der Praxis vermischten sich diese neo-mythischen Vorstellungen regelmäßig untereinander und mit solchen, die der Rassenkunde entnommen waren. Die Glazialkosmogonie wurde von dem österreichischen Ingenieur Hanns Hörbiger (1860–1931) entwickelt. Im Dritten Reich gab es einige Bemühungen, sie als ernstzunehmende physikalische Theorie an den Universitäten zu etablieren. Rüdiger Sünner fasst die Welteislehre folgendermaßen zusammen:
Wie am Anfang der »Edda« die Schöpfung aus dem Zusammenprall von Feuer und Eis geschildert wird, so glaubte Hörbiger, daß vor Urzeiten ein »Eisgigant« in eine »Riesen-Sternmutter« gerast sei. Das habe eine kosmische Explosion von ungeahnten Ausmaßen verursacht, ein Szenario, das in seiner Dramatik wohl so recht nach dem Geschmack mancher NS-Führer war. Aus dem umherwirbelnden glühenden Eisstaub hätten sich allmählich rotierende Wolken und Spiralen gebildet, aus denen nach Abkühlung die Planeten, Sonnen und Monde entstanden seien. Der Mensch habe sich nicht aus dem Affen entwickelt, sondern sei als lebensfähiges Protoplasma in Eisstücken auf die Erde heruntergekommen, als »göttliches Sperma«, welches der »Allvater Kosmos« in den Schoß von »Allmutter Erde« gesenkt habe, um daraus den »Homo europaeus« als »Haupt- und Endzweck der Schöpfung« entstehen zu lassen. Aus diesem Grund glaubte Hörbiger auch an die reale Existenz prähistorischer Hochkulturen, die zwar in Naturkatastrophen verschlungen worden seien, aber von denen noch vereinzelte Spuren existierten.***
Das leitet auch schon zum Nationalatlantismus über. Damit bezeichnet der Mythologe Pierre Vidal-Nacquet den Versuch, den Ursprung der eigenen Nation in Atlantis zu lokalisieren. Nun kann es als ausgemacht gelten, dass der Atlantismythos eine Erfindung Platons ist. Tatsächlich entwarf Platon damit eine Art politische Dystopie. Er zeichnete Atlantis als Gemeinwesen, das (ganz wie Tolkiens Númenor) aufgrund seines Hochmuts und seiner Dekadenz von den Göttern bestraft und in einer gewaltigen Flutkatastrophe vernichtet wird. Trotzdem häuften sich in der Neuzeit die Versuche, Atlantis als vorzeitliches Paradies darzustellen, dessen Erbe noch heute lebendig sei. Wo genau dieses Erbe angeblich zu finden ist, das hing von den jeweiligen politischen Absichten ab. Den Anfang machte der schwedische Naturforscher Olof Rudbeck (1630–1702), der zu einer Zeit, da Schweden zur europäischen Großmacht aufstieg, in seinem voluminösen Werk Atlantica sive Manheim unbedingt nachweisen wollte, dass Schweden ein Überrest von Atlantis sei. An der Stelle der alten Hauptstadt von Atlantis sei später Uppsala errichtet worden.

Wie bereits erwähnt vermutete Rosenberg Atlantis, allerdings ohne sich darauf festzulegen, im nördlichen Atlantik. Andere Nazis waren wesentlich spezifischer, wenn es um ihre Lieblingshypothesen zur Lage des sagenhaften Kontinents ging. Der Amateur-Archäologe Edmund Kiss (1886–1960) war sowohl ein Verfechter der Historizität von Atlantis als auch ein Anhänger der Welteislehre. Nach einem Südamerika-Aufenthalt veröffentlichte er 1937 in der Zeitschrift Germanien einen Artikel mit dem bizarren Titel »Nordische Baukunst in Bolivien«. Kiss war zu der Überzeugung gelangt, die Ruinen von Prä-Inka-Kulturen in der Umgebung des Titicaca-Sees stellten archäologische Spuren von Atlantis dar. Prompt stellte der SS-Forschungsverein Deutsches Ahnenerbe ihm Geld für eine Expedition nach Nordafrika zur Verfügung, durch die er seine Kombination der Welteislehre mit dem Atlantismythos weiter ausbauen sollte. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Kiss seine Ansichten in einer Romantetralogie niederlegte, die aus den Bänden Das gläserne Meer (1930), Die letzte Königin von Atlantis (1931), Frühling in Atlantis (1933) und Die Singschwäne von Thule (1937) besteht. Was der Möchtegern-Intellektuelle Rosenberg sich für seinen Mythus des 20. Jahrhunderts verbeten hatte, war einem Spintisierer und Abenteurer wie Kiss auf Basis der Welteislehre ohne weiteres möglich: Bausteine für phantastische Unterhaltungsliteratur zu sammeln. Harmloser wird es dadurch nicht: Kiss’ Ansichten waren vor allem im Umkreis der SS sehr beliebt. Zeitweilig durfte er sogar die Wachmannschaft des Führerhauptquartiers kommandieren.

Herrenrassen, Welteis und Atlantis. Das war es also, was im Dritten Reich als ernsthafte Geistesbeschäftigung galt – von den Protokollen der Weisen von Zion, deren Echtheit führende Nazis vertraten, ganz zu schweigen. Durch die Brille dieser pseudowissenschaftlichen Konzepte betrachteten die Nazis auch die germanischen Mythen, bzw. sie suchten in ihnen Bestätigungen für ihren Rassismus, ihre Atlantishypothesen und die Welteislehre. Nun gibt es aber mit C. G. Jung einen bedeutenden Denker, der eine Identität von altgermanischer Mythologie und nationalsozialistischer Weltanschauung behauptet. Dem möchte ich in einem weiteren Text nachgehen und dabei auch die Vorstellung einer »arteigenen Religion« betrachten.

* Das Unsinnswort ›nordisch‹ vermeide ich von jetzt an lieber. ›Germanisch‹ ist in jedem Fall die passendere Bezeichnung. Damit will ich nicht die Fiktion eines einheitlichen Germanentums fortschreiben. In der Antike war Germani einfach die lateinische Bezeichnung für die an den Flüssen Rhein, Elbe und Oder lebenden Stämme. Da es heute gebräuchlich ist, von germanischen Sprachen zu sprechen, lässt sich m.E. auch von germanischer Mythologie sprechen, wenn von Werken wie dem Beowulf, den Eddas und dem Nibelungenlied die Rede ist.
** Rüdiger Sünner, Schwarze Sonne. Entfesselung und Mißbrauch der Mythen in Nationalsozialismus und rechter Esoterik, Freiburg im Breisgau u.a. ²1999, 37f.
*** A.a.O., 45f.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.