Dienstag, 31. Januar 2012

»Wir deutsche Autoren wollen deutsche Kritiker, und zwar Studierte«

Ein im »deutschsprachigen Internetraum« nicht ganz unbekannter Dünndarm hat heute erneut laute Geräusche von sich gegeben, und zwar in aller Öffentlichkeit: In seiner Facebook-Gruppe, neben und unter einem Link zu dem 1994 verstorbenen Schriftsteller Erwin Strittmatter, dessen Mitgliedschaft in einer der Waffen-SS unterstellten Einheit der nationalsozialistischen Ordnungspolizei die stammelnde Bewunderung von Dünndarm & Co. erregt.


Es entwickelt sich ein freundschaftliches Gespräch über rassenkundliche Fragen und deutsche Kulturpolitik, und zwar vorrangig zwischen dem hier wie sonst unter dem Pseudonym John Asht auftretenden Dünndarm und einer gewissen Angelika Sauer:


Der einvernehmliche Austausch mündet also in eine konkrete Forderung: Ich deutschtümelnder Autorendarsteller kann zwar keinen schwurbel- und fehlerfreien deutschen Satz formulieren, wünsche mir aber deutsche Kritiker, die »Ahnung von deutscher Literatur und Mentalität« haben. Die gegenwärtigen Kritiker_innen sind halt auch alle völlig entartet:


Kritiker? Von anderswo? Echte, nicht importierte Deutsche sind wohl nur die, die das schwere Schicksal auf sich genommen haben, für’s Vaterland zu kämpfen. So schnell kann es gehen, und der vielzitierte »deutschsprachige Internetraum« wird zum deutschen Lebensraum, der gegen kritisierende Kulturbolschewist_innen verteidigt werden muss, darunter auch solche, die die unverzeihliche Frechheit hatten, den Holocaust zu überleben. Übrigens – man schämt sich fast, es eigens sagen zu müssen: Kritisiert wurde Ashts Buch mit dem seltsamen Namen natürlich nicht von Marcel Reich-Ranicki (mit dessen »getöteten Landsleute[n]« der Dünndarm wohl die vom Deutschen Reich ermordete europäische Judenheit meint), sondern lediglich von einigen wenigen Blogger_innen und Rezensionsportalen. Reich-Ranicki hat von John Asht, dessen monatliche Buchverkäufe sich im einstelligen Bereich bewegen,* höchstwahrscheinlich nie auch nur gehört.

Bleibt nur eine Frage offen: Wozu ist eigentlich ein Dünndarm gut, der allem Anschein nach nicht ganz dicht ist und immer mehr braune Soße durchsickern lässt?

* Nachzulesen in der aktuellen Ausgabe des Fandom Observer (Nr. 272, Februar 2012), S. 14.

Freitag, 27. Januar 2012

Lasst uns ashten

Na ja, von ei­nem Hilfs­blog­ger, der mit sei­nem Le­ben nichts an­fan­gen kann und au­ßer Harry Pot­ter noch nichts ge­le­sen hat, darf man nichts an­de­res er­war­ten als eine solch’ un­qua­li­fi­zierte Pseudo-Rezi.

Au­ßer­dem werde ich Anubis von der Web­seite Lake Hermanstadt (im Fol­gen­den auch »an­onym« ge­nannt) durch mei­nen Be­wäh­rungs­hel­fer ahn­den las­sen, denn mir sieht diese Web­seite reich­lich su­spekt aus, so als sei sie ge­gen Be­zah­lung dar­auf aus­ge­legt, die UFO-Verschwörung zu ver­tu­schen. Au­ßer­dem ver­stößt die Re­zen­sion ge­gen mein über­stei­ger­tes Selbst­wert­ge­fühl.

Es kann schließ­lich nicht an­ge­hen, dass je­der im Netz ein­fach so an­onym seine Mei­nung äußert und da­mit Ver­lage in den Ruin treibt, weil man seine Puf­frech­nung nicht mehr zah­len kann. Der Ar­ti­kel 5 des Grund­ge­set­zes zur Mei­nungs­frei­heit ist hier oh­ne­hin nicht an­wend­bar, da das Grund­ge­setz für Au­to­ren mit eng­li­schen Na­men so­wie mi­kro­sko­pi­sche Ver­lage oh­ne­hin nicht bin­dend ist.

Zu­dem gibt Ih­nen Ar­ti­kel 5 des Grund­ge­set­zes noch lange nicht das Recht, Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät zu be­trei­ben, in­dem Sie will­kür­lich den Ver­kauf ei­nes Pro­duk­tes defibrillieren und zu­dem noch nicht ein­mal Grenzwissenschaften und Parapsychologie stu­diert ha­ben.

Au­ßer­dem ha­ben Sie den »fan­tas­ti­schen Aben­teu­er­ro­man« Quaak-Pryx, die UFOs und der Gotengral fälsch­li­cher­weise in das Genre Fan­tasy ein­ge­ord­net, da­bei ge­hört er ein­deu­tig zum Genre politische Bildung.

Ich werde den Bör­sen­ver­ein des Deut­schen Buch­han­dels dar­über in­for­mie­ren, dass Sie auf auf Ih­rem Blog Li­te­ra­tur­kri­ti­ken ver­öf­fent­li­chen, ohne über­haupt das Werk ge­le­sen zu ha­ben. Über­le­gen Sie sich, was für Kon­se­quen­zen das al­les für Sie ha­ben wird. Das Recht ist auf mei­ner Seite!

Als Ab­schluß sei mir er­laubt, Ih­nen noch Fol­gen­des mit­zu­tei­len: so je­mand wie Sie ge­hört mal or­dent­lich gepoppt!!11!

Nach Dik­tat ver­reist,
[Name von der Redaktion geschwärzt]

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Epilog

Die Kritik richtet sich nicht nur gegen eine einzige Person. Und diese Person, hat den kriminellen Absatz in ihrem Blog, welch’ alle Welt zum Boykott meiner gehobenen Literatur bewegen sollte, von ihrem Blog gelöscht, bevor irgendjemand ihn auf ihrem Blog sehen konnte. Ich habe nun nämlich, nach sechs Wochen, wieder einmal, in ihren Blog geschaut – und siehe, der gehässige Absatz, welch’, mittels beleid’gender Worte, alle Welt vor meinem Buch retten wollte, urplötzlich verschwunden ist. Aber der war wirklich kriminell. Damit ist, für mich persönlich, dieser Kriegspfad bis zur Leipziger Buchmesse beendet, denn das von mir, auf diesem Kriegspfad, geschleuderte Beil steckt, aus irgendeinem Grund, in meiner Stirn fest.

Bis zum nächsten Mal,
[Name von der Redaktion geschwärzt]

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Die Redaktion dankt Stefan Holzhauer.

Dienstag, 24. Januar 2012

Für eine neue SF-Religion

Welche Bedeutung hatte aber die Annahme des christlichen Glaubens für die Länder Lateinamerikas und der Karibik? Es bedeutete für sie, Christus kennenzulernen und anzunehmen, Christus, den unbekannten Gott, den ihre Vorfahren, ohne es zu wissen, in ihren reichen religiösen Traditionen suchten. Christus war der Erlöser, nach dem sie sich im Stillen sehnten.
Ansprache Benedikts XVI.
zur Eröffnung der V. Generalversammlung
der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik

Über das Posthumane kann man eigentlich vom gegenwärtigen Standpunkt nicht schreiben. Genauso wenig, wie man über Gott schreiben kann. [...] Die Situation ist vergleichbar mit dem historischen Aufeinandertreffen von Weißen und Indianern. Die Indianer waren nicht fähig, auf die neuen Gesetzmäßigkeiten in Gestalt der Eroberer einzugehen; so wurden sie von der Entwicklung überrollt und marginalisiert.
Wolfgang Neuhaus,
Am Vorabend der Singularität. Notizen zur »posthumanen« Science Fiction*

* In: Sascha Mamczak/Wolfang Jeschke (Hgg.), Das Science-Fiction-Jahr 2009, München 2009, S. 488–505.

Montag, 23. Januar 2012

Gleich und gleich gesellt sich gern

Trigger-Warnung: Blogpost enthält Zitate mit sexistischen und ableistischen Inhalten.

Man kommt manchmal auf den Gedanken, an Rezensionblogs müsse irgendetwas mordsgefährliches dran sein. Warum sonst wird regelmäßig zur Attacke auf uns geblasen? Aber die Frage ist falsch gestellt. Die geradezu übergeschnappte Empörung, die ein gewisser John Asht gegenwärtig zur Schau stellt, lässt sich nicht durch ein paar (übrigens eher sachliche und ausgeglichene) Bemerkungen in einem Blog erklären. Sie braucht keinen sachlichen Grund, sondern höchstens einen Anlass, um sich bis zum Wahn zu steigern.

Und Wahn ist es. Den Frontverlauf dieser Offensive eines Paranoiden und seines »Verlags« muss ich nicht eigens noch einmal nachvollziehen. Hier wird er bereits in übersichtlicher Weise geschildert, und hier findet sich eine nützliche Linkliste. Ein Ende ist indes nicht in Sicht. John Asht, der zunächst noch vermeldete, seine Bücher verkauften sich durch die künstlich generierte Aufmerksamkeit hervorragend, schrieb heute in dieser Facebook-Gruppe, die »Organisierte Literatur-Kriminalität im Internet« sei nunmehr bewiesen: Google Alert habe »binnen nur 2 Tagen ganze 742 neue, gehässige Rezensionen« seines Romans Twin-Pryx – Zwillingsbrut ausgespuckt, obwohl in dieser Zeit kein einziges Exemplar des Buches verkauft worden sei. Da ein kurzer Blick in eine der verfügbaren Leseproben ausreicht, um die literarische Größe des Autors auf Zwergenformat zurechtschrumpfen zu lassen, wird die zweite Hälfte der Aussage der Realität wohl näher kommen.

Ob nun tatsächlich in kürzester Zeit hunderte von ablehnenden Rezensionen zustande gekommen sind, sei dahingestellt, sagen kann ich aber so viel: An ehrlich gemeinten positiven Rezensionen habe ich genau zwei gefunden, nämlich diese hier. John Asht wünscht der Rezensentin denn auch gleich ein »wohlgesonnenes Schicksal«, womit er eine gelungene Reinkarnation meint. Beide Reviews wurden von einer Bloggerin verfasst, die neben ihrem Rezensionsblog unter dem Titel PresseEcho auch ein »politisches Blog« betreibt.* Dort findet sich – neben reichlich hündischer Verehrung für die Junge Freiheit und Thilo Sarrazin – ein Post mit dem Titel »Oslo Calling ...«, in dem die Autorin den im vergangenen Sommer verübten faschistischen Massenmord nicht nur als »Mahnmal« würdigt, sondern auch ihre Meinung kundtut, »die Gedanken des Täters« verkörperten »eigentlich nur das, was viele in Europa mittlerweile denken und befürchten«. Nämlich folgendes: »Sind nun alle auf einmal Rechtspopulisten, nur weil die Mehrheit der Deutschen den Traum vom integrierten Multikulti der Oberen nicht mitträumen wollen [sic!]? Weil sie skeptisch sind und sein müssen?« Da steckt etwas drin, was in gewisser Hinsicht wahr ist: Für die Ideologie, die der rechtspopulistische Mörder von Oslo und Utøya vertritt, finden sich Mehrheiten. Und wenn einer die Ideologie in die Tat umsetzt, mag er zwar, wie die Bloggerin meint, »komplett irre« sein (man lehnt sich ja ungern zu weit aus dem Fenster), sie fügt aber sogleich hinzu: Wer will es »dem Normalbürger« verübeln, wenn er sich »vor der überhand nehmenden Auflösung seiner eigenen Kultur durch Ausländer« fürchtet?

Das offenbart nun etwas, was in der bisherigen Debatte weitgehend unbeachtet blieb – mit wenigen Ausnahmen, denn einen Hinweis gab bereits Gerd Rottenecker im Bibliotheka-Phantastika-Forum, und Manfred Müller wies darauf hin, dass nicht nur die einsam begeisterte Leserin, sondern auch John Asht selbst »sich am reaktionären Rand tummelt«. In seinem Blog** lässt Asht (»Es ist ernst, Leute«) sich über das Aussterben der deutschen Nation aus. Grund: Die Frauenquote, ein »familienfeindliche[s] Konstrukt«, wird hierzulande zur »doktrinisierte[n] Staatsreligion« erhoben, weil im ehemaligen Ostblock »Mannsweiber, die überhaupt keine Kinder haben wollten und von grundauf alles hassten was männlich war« gezüchtet wurden und in der Folge die Nation »den Bach runter« ging. Die Gesellschaft degeneriert, weil sie »nur noch von Geisteskranken« bevormundet wird und weil »die gesund und natürlich Denkenden, nach und nach benachteiligt, diskriminiert und letztendlich ausgegrenzt werden«; »die eigentlichen Behinderten tyrannisieren die Gesunden« und »rangeln sich hinterfotzig an die Macht«, woraufhin die »Anständigen und Gesunden« nur noch »zum Produzieren und Kinderkriegen gezüchtet« werden.

Von Ashts literarischen Ergüssen lassen sich diese Ausfälle nur schwer trennen. Greift man sich seinen Roman Maag Mell, die Friedlichen Gefilde als Beispiel heraus, erfährt man per Verlagsinfo folgendes: Das geschlagene 1.344 Seiten umfassende Werk spielt im »Schicksalsjahr Mitteleuropas« im Kelten-und-Germanen-Land Maag Mell, wo ein »gesundes, friedvolles Volk« gedeiht, dessen »Überlegenheit in der Erkenntnis der Einfachheit aller Dinge« besteht – soll wohl heißen, dass es in Maag Mell keine Frauenquote gab? Asht schrieb dieses fragwürde Konvolut nach Verlagsangaben »als Ergebnis seiner jahrelangen Forschungen und Studien im Bereich der Völkerkunde, Religionsgeschichte sowie der Astrologie und der Grenzwissenschaften der Parapsychologie«. Alles klar. Der Typ glaubt nicht nur an den Mist, den er in seinem Blog verzapft, sondern auch an seine Fiktionen. Und weil er daran glaubt, befindet er sich auf einer Mission, was wiederum alles weitere erklärt. Zum Beispiel, warum bei John Asht sämtliche Sicherungen durchknallen, wenn jemand öffentlich ausspricht, dass seine Schreibversuche Schund sind. Und warum andererseits ein politisierender Breivik-Fan zur begeisterten Leserin dieses Autors wird: Gleich und gleich gesellt sich eben gern.

Bleibt nur die Frage, wie man sich freiwillig eine solche aus Esoterik, Sexismus, Minderwertigkeitskomplexen und Kulturrassismus zusammengestoppelte Weltanschauung aneignen kann? Auch hier hilft uns der Autor selbst auf die Spur: Es sei mittlerweile bewiesen, »dass das eigentliche Denk- und Empfindungsorgan des Menschen eigentlich der Dünndarm ist«. Biologisch gesehen mag das eine fragwürdige Aussage sein, als Metapher für John Ashts intellektuelle Verfasstheit taugt sie jedoch, wie ich finde, hervorragend.

* Zu finden unter der URL chronologisch.wordpress.com, dort auch die hier wiedergegebenen Zitate (eine direkte Verlinkung spare ich mir an dieser Stelle). Ein Impressum mit Klarnamen ist übrigens in keinem der beiden Blogs dieser Person angegeben. Abgerufen am 23. Januar 2012.
** Diktion und Zeichensetzung entsprechen in den folgenden Zitaten stets dem Original. Abgerufen am 23. Januar 2012.

Samstag, 21. Januar 2012

Kalte Krieger

Kalte Krieger ist ein Roman, der sich vor allem leicht und locker liest – man hat ihn flugs durch und ist hinterher entspannt und zufrieden. Autor Thomas Plischke beweist damit, dass er ganz unterschiedliche Stile beherrscht, denn sein Zyklus Die Zerrissenen Reiche, eine revisionistische Fantasy (was wäre, wenn die Zwerge das Sagen hätten?), kann durchaus sperrig daherkommen.

Nicht so Kalte Krieger. Handlungsort ist eine Kleinstadt in Maine und ihre Umgebung, und es geht um Menschen mit Superkräften und ihre Problemchen. Plischke greift das landläufig aus Comic und Kino bekannte Motiv auf und gibt ihm eine spezifische Wendung: Superheld_innen – weit davon entfernt, als pompöse Weltenretter_innen aufzutreten – haben beständig damit zu kämpfen, dass ihre Kräfte nicht von böswilligen Regierungen ausgenutzt werden, müssen sich bedeckt halten, sich unauffällig vernetzen, mit ihren Superkräften kompatible Jobs finden und nicht zuletzt mit ihrem Status als Außenseiter_innen der Anpassungsgesellschaft klarkommen. Es handelt sich also um ein Szenario, das man sich etwa wie die X-Men ohne Professor X und seine Mutant_innenschule vorstellen kann.

Es gibt zwei Handlungsstränge: Einmal wird erzählt, wie die Psychologiestudentin Amy in Maine ankommt, wo sie in einer leicht heruntergekommenen psychotherapeutischen Praxis ein Praktikum absolvieren will und schnell in eine Reihe von Kriminalfällen verwickelt wird. Handlungsstrang Nr. 2 spielt zehn Jahre früher in einem Sommercamp, in dem mysteriöse Experimente an Jugendlichen vorgenommen werden.

Ist Kalte Krieger in vielerlei Hinsicht eine Hommage an Comics und ihre Verfilmungen, so erinnert es erzähltechnisch am ehesten an klassischen 70er-Jahre-Horror: Stephen Kings frühe Romane, insbesondere Carrie und Firestarter, kommen in den Sinn. Auch wird Maine als Handlungsort nicht zufällig gewählt sein. Nicht sagen will ich damit, dass Plischke versuche, Kings Stil zu imitieren. Die Beeinflussung liegt eher in der klugen Aufnahme von Themen und Motiven, und auch in der Art und Weise, wie der schreckliche Alltag sich langsam und leise in alltäglichen Schrecken verwandelt.

Ein Roman also, der vor allem durch Eingängigkeit und Spannung überzeugt. Zudem nehme man bitte zur Kenntnis, wie souverän der deutsche Autor mit den Ingredienzen US-amerikanischer Populärkultur umgeht. Am Umgang mit so etwas zeigt sich ja gern die deutsche Provinzialität, die auch fast 70 Jahre später in einiger Unbelehrbarkeit die kulturellen Importe von jenseits des Atlantik mit dem Neuartigen und Reißerischen identifiziert – wer’s nicht glaubt, möge mal darauf achten, wie oft z.B. Frank Schätzing Phrasen à la »wie in einem Hollywoodfilm« gebraucht, als ob er gestern zum ersten Mal einen gesehen hätte. Da zahlt es sich aus, dass Plischke Amerikanistik und Medienkultur studiert hat und sich im besagten populärkulturellen Importgeschäft sehr zu Hause fühlt. Vielleicht liest sich Kalte Krieger ja unter anderem deswegen so entspannt?

Zum Schluss noch der Satz für diejenigen, die mit dem bisher Geäußerten rein gar nichts anfangen können: Wer Superheld_innen kindisch und Ami-Horror doof findet, die oder der kann – wage ich zu behaupten – Kalte Krieger auch einfach als Thriller mit leichten übernatürlichen oder Mystery-Elementen* lesen. Und wenn das nix ist, dann weiß ich auch nicht.

Kalte Krieger von Thomas Plischke (480 Seiten) ist 2009 bei Piper erschienen.

* Mystery im deutsch-provinziellen Sinne verstanden, gelle.

Mittwoch, 18. Januar 2012

Marketing The Wind Through the Keyhole

Stephen Kings neuer Dark-Tower-Roman, chronologisch gesehen ein Tie-in zwischen Wizard and Glass und Wolves of the Calla, erscheint bekanntlich am 24. April. Zwecks Fanbespaßung wurde sich nun für die britische, bei Hodder & Stoughton erscheinende Ausgabe folgendes ausgedacht: Über diese Facebook-Seite kann man sein Porträtfoto hochladen, welches dann, sofern man Glück hat und nicht irgendwelchen undurchsichtigen Auswahlmechanismen zum Opfer fällt (schlechter Teint? Unscharfe Aufnahme? Geschlecht nicht eindeutig erkennbar?), für ein Mosaikbild verwendet wird, das den Schutzumschlag der Hodder-Ausgabe zieren wird.

Ich muss gestehen, mir gefällt das seit Dezember auf Kings Website bestaunbare Covermotiv für die US-amerikanische, bei Scribner erscheinende Ausgabe so gut, dass mich die Facebook-Foto-Geschichte eher die Augenbrauen hochziehen lässt. Was erwartet man sich von der Teilnahme an einer solchen Aktion? Fünfzehn Pixel Ruhm? Komische Vorstellung. Aber Stephen King rechnet bekanntlich mit bizarren Fans.

Sonntag, 15. Januar 2012

Das Auge des Drachen

Im Untergrund von Mexicali, einer Stadt im Grenzgebiet zwischen dem mexikanischen Baja California und dem US-amerikanischen Kalifornien, liegt die Chinesca, eine unterirdische, von eingewanderten Chines_innen besiedelte Metropole, die von dem greisen Schmugglerkönig Pi Ying beherrscht wird. Es ist die Prohibitionszeit, und Pi Ying steuert mit harter Hand den Schmuggel von Alkohol in die Vereinigten Staaten. In der Kavernenstadt gibt es gerüchtehalber aber außer riesigen Mengen Alkohol noch ganz andere Geheimnisse, weshalb zwielichtige Glücksritter und Jäger exotischer Großtiere alles daran setzen, einen Zugang zur Chinesca zu finden.

Das ist, in aller Kürze und vergleichsweise spoilerfrei dargestellt, worum es in Das Auge des Drachen geht. Es ist eine straighte, schnell erzählte Abenteuergeschichte mit Fantasy-Elementen. Die Vielzahl der Handlungsorte, Viewpoints und Charaktere sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese allesamt nur die Funktion haben, den Plot möglichst spannend zu gestalten. Weit davon entfernt, eigenständige Handlungsstränge zu sein, bewegen sich sämtliche Viewpoints mit Höchstgeschwindigkeit auf den einen großen Showdown in der Chinesca zu.

Das ist so flott erzählt und liest sich so schnell, dass ich den Roman einige Male beiseite gelegt habe, um ihn nicht zu schnell durchzulesen und eventuell enttäuscht zu sein. War ich dann letztlich aber nicht. Mehr Substanz als eine abenteuerliche Handlung hat Das Auge des Drachen zwar zu keiner Zeit, aber da sich das bereits beim Anlesen des Buches bemerkbar macht, weiß man von Anfang an, worauf man sich einlässt, und das kann durchaus unterhaltsam sein. Wer gern Arturo Pérez-Reverte oder Bjarne Reuter liest und sich vorstellen kann, auch weniger Anspruchsvolles zu genießen, ist mit Das Auge des Drachen als Zwischendurchlektüre gut bedient.

Vom klassischen Abenteuerroman hat Fernández für seinen ersten ins Deutsche übersetzten Roman die koloniale Atmosphäre übernommen: Die Charaktere sind größtenteils stereotypes Personal wie Großwildjäger mit einheimischen Dienern, überhebliche Yankee-Abenteurer und machtbesessene Deutsche; vom skrupellosen chinesischen Verbrecher-Greis ganz zu schweigen. Verherrlicht wird der Kolonialismus aber nicht, die entsprechenden Figuren sind keine Sympathieträger. Der Zoo-Unternehmer Carl Hagenbeck etwa, der in seinen Zoos die berüchtigten Völkerschauen veranstaltete und im Roman in einer Nebenrolle auftritt, wird als gieriges und rassistisches Arschloch dargestellt. Explizit hinterfragt und gebrochen wird der koloniale Hintergrund jedoch nicht – dazu hätte es ein ganz anderes Buch gebraucht.

Nicht in die Irre führen lassen sollte man sich von dem Vergleich »Spielberg meets Tarantino«, den der Klappentext anstellt. Es geht bei Fernández um große Viecher und um Gangster, die sich gegenseitig auszutricksen versuchen. Daher wurde der Vergleich herbeiassoziiert, aber mehr Ähnlichkeit ist nicht. Im Grunde erweitert Das Auge des Drachen bei Suhrkamp das Segment, das bislang mit Isabel Allendes YA-Fantasies um Águila und Jaguar abgedeckt wurde, um einen Beitrag für Erwachsene. Mit Allendes Jugendbüchern (die an sich auch nicht gerade die Wucht sind) oder gar mit der ebenfalls im Frankfurter Verlagshaus erschienenen Liliana Bodoc kann Fernández sich jedoch nicht messen. Er präsentiert sich eher als eine Art lateinamerikanischer Dan Brown. Lässt man die genrebedingten Unterschiede zwischen Fernández’ Abenteuer-Fantasy-Garn und Browns Sakralverschwörungsgesülze mit wohlfeiler Heilsbotschaft beiseite, stellt man fest, dass beide in einem Maße, wie es heute nur wenige Autor_innen verfolgen, voll und ganz auf Plots mit Tempo und Cliffhangern setzen. Allerdings hat Fernández – was ihn ganz erheblich von Brown unterscheidet – zur Recherche für seinen Roman einige Geschichtsbücher gelesen. Das rechne ich ihm hoch an.

Das Auge des Drachen von Bernardo Fernández (272 Seiten) erschien 2011 bei Suhrkamp. Die Übersetzungen aus dem Spanischen besorgte Petra Strien.

Samstag, 14. Januar 2012

Iced tea

Kein Zweifel: unsere Empfindungen sind abhängig vom Milieu. Auf dieser Insel [in Paris] an das Übernatürliche zu glauben, wäre der Gipfel der Torheit... Auf dem Mont Saint-Michel dagegen? Oder in Indien? Wir können uns dem oft bedrückenden Einfluß der Umgebung nicht entziehen.
Guy de Maupassant, »Der Horla«
Der Schauplatz, das wusste Maupassant sehr gut, spielt in der phantastischen oder spekulativen Literatur eine eigene Rolle. Und es scheint einige Schauplätze zu geben, die einen besonders makabren Reiz ausüben und entsprechende Erzählungen hervorbringen. Oder verhält es sich andersherum? Ist es nicht häufig so, dass ein literarischer Schauplatz sich im lesenden Kopf so sehr verselbständigt, so massive Bilder evoziert, dass er der realen Landschaft, die ihn inspiriert hat, kaum noch bedarf?

Der Süden der USA ist ein solcher Schauplatz. Man muss nicht dort gewesen sein, um sofort ein ganzes Kaleidoskop von Bildern im Kopf zu haben, wenn man nur die richtigen Bücher gelesen hat: Hitze, Plantagen, Sklaverei, Bayous, Alligatoren, Familiengeschichten, Flussdampfer, Vampire, verfallene Herrenhäuser, dekadente Herrschaft und bigotte Moral.

Man kann aber durchaus noch mehr tun, um das Leseerlebnis durch die sinnliche Wahrnehmung zu verstärken. Das setzt natürlich voraus, dass man richtig liest. Also nicht während des Essens, was ungesund ist. Nur in Ausnahmefällen auf der Arbeit, weil man da nervös ist und ständig befürchtet, vom Chef erwischt zu werden. Auf keinen Fall beim Kochen, weil in der Küche aufbewahrte Bücher von den Essensdämpfen wellig und schmierig werden. Richtig liest man, wenn man sich mit einem Getränk in der einen und dem Buch in der anderen Hand auf einem Sofa, in einem Zugabteil oder im Park zurücklehnt und in einer anderen Welt versinkt. Das Getränk ist nicht nur deshalb wichtig, weil regelmäßige Flüssigkeitszufuhr die Konzentrationsfähigkeit steigert, sondern weil es wesentlich zum Leseerlebnis beitragen kann.

Es lohnt sich deshalb, darauf zu achten, in welchen Büchern was getrunken wird. Im Auenland wird mit Vorliebe Bier getrunken. In Henry Whiteheads karibischen Spukgeschichten – in denen es vor allem die schwarzen Subalternen sind, die in den Ängsten und Albträumen der herrschaftlichen Weißen herumspuken – wird typischerweise Rumpunsch getrunken, während man auf der Veranda sitzt. Es empfiehlt sich unbedingt, das Leseerlebnis zu verstärken, indem man das atmosphärisch zur Lektüre passende Getränk bereithält. Das ist natürlich nicht immer möglich, denn Butterbier oder ein guter Tropfen aus Lys dürfte schwer zu bekommen sein. Zur Not muss man improvisieren. Zu Dracula etwa passt hervorragend gepfefferter Tomatensaft. Nach Möglichkeit sollte man sich aber an die Vorgaben des Buches halten, das man gerade vor sich liegen hat.

Immer dann, wenn es sich um eine in den Südstaaten spielende Geschichte handelt, ist das Getränk der Wahl natürlich iced tea. Ich verwende hier absichtlich den englischen Begriff und nicht das deutsche Äquivalent, denn gemeint sind natürlich keine Tetrapaks von Lipton, sondern echter Eistee, der folgendermaßen zubereitet wird:
  1. Eine Kanne schwarzen Tee aufbrühen.
  2. Wenn man es gern süß mag, reichlich Zucker einrühren.
  3. Den Tee abkühlen lassen.
  4. In eine Karaffe umfüllen und über Nacht im Kühlschrank stehen lassen.
  5. Am nächsten Tag, wenn die Hitze zu brüten beginnt, in großen Gläsern mit viel Eis servieren.
  6. Dazu Zitronen- und Limonenscheibchen reichen, die man sich je nach Geschmack ans Glas steckt.
Wenn man einen Roman von William Faulkner oder Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe liest, zu einem Band der Southern Vampire Mysteries oder zur Auffrischung früherer Leseerlebnisse wieder einmal zu Fannie Flagg oder Harper Lee greift, sollte man unbedingt eine Karaffe Eistee im Kühlschrank bereitstehen haben.

Sonntag, 8. Januar 2012

Hochliteratur

Bastei-Lübbe-Geschäftsführer Klaus Kluge über die Zukunft des von der Lübbe-Verlagsgruppe gekauften Eichborn-Verlags:
„Das Programm soll in Abgrenzung zu dem Wohlfühl-Programm des Popularverlags Bastei Lübbe provokativ und aktuell sein, es soll all das machen, was Lübbe nicht abgenommen würde. Auch Hochliteratur und politische Bücher.“
„Ich sage mal: Eine Helene Hegemann oder ein Sascha Lobo wären da gut aufgehoben.“
O je. Das ist heutzutage Hochliteratur? Und ich Depp dachte, ich könnte mit meiner Vorliebe für Brecht, Mann und Nabokov noch irgendwie punkten. Schön wär’s. Wenn man das so hört, dann sieht die Zukunft aber wohl eher so aus, dass man sich in der U-Bahn, im Café oder in der Arbeitspause mit einem verlegenen »Ja, klar, ist so für zwischendurch. Ich lese aber auch ganz andere Sachen, Hegemann und Lobo zum Beispiel.« rechtfertigen muss, und zwar unabhängig davon, ob man einen Gedichtband von Eduard Mörike oder einen Schmöker von J.K. Rowling dabei hat. Andererseits eröffnet das doch ganz neue, bislang ungeahnte Bündnismöglichkeiten, oder?

(Quelle)

Samstag, 7. Januar 2012

Shadowheart

Es war einmal eine Sekundärwelt mit einem großen, sich in Nord-Süd-Richtung erstreckenden Kontinent. Hoch im Norden wird dieser Kontinent von einer magischen Barriere durchschnitten, die die Reiche der Menschen von den schreckenerregenden nichtmenschlichen Kreaturen trennt, die nördlich der Barriere leben. Der Nordteil der menschlich besiedelten Gebiete wird von einer uralten, verwinkelten Burg aus regiert, deren Herr ein intelligenter, mitfühlender Mensch, der aber vielleicht zu sehr auf das Ehrgefühl seiner Zeitgenoss_innen setzt. Als er in diplomatischer Mission in den Süden reist, verstrickt er sich sofort hilflos in politische Verwicklungen. Während sein älterer Sohn auf grausame Weise ermordet wird, bleibt der jüngere Sohn auf der Burg zurück. Nach einem Sturz körperlich gelähmt und seelisch verzweifelt, entdeckt er nach und nach, dass er ein übernatürliches Geheimnis in sich trägt. Zur gleichen Zeit wird auf einem anderen Kontinent ein junges Mädchen an einen eroberungslustigen Potentaten verheiratet, und Krieg liegt in der Luft...

Gut, ne? Die Inhaltsangabe bezieht sich natürlich ausschließlich auf Tad Williams’ Shadowmarch-Quartett. Etwaige Ähnlichkeiten mit einer nicht ganz unbekannten, kürzlich verfilmten Fantasyreihe sind rein zufälliger Natur. Und doch frage ich mich unwillkürlich, ob Williams vielleicht weniger der  »Tolkien des 21. Jahrhunderts« ist, wie er auf Klappentexten gern genannt wird, sondern der Terry Brooks des 21. Jahrhunderts. Es lässt sich schwer abstreiten, dass Williams gern mal auf einen gerade angesagten Zug aufspringt. Die fantastische Metropole, die er in The War of the Flowers entwarf, schuldete den kurz zuvor erschienenen Hauptwerken der New-Weird-Welle das eine oder andere. Und so auch der Shadowmarch-Zyklus, der einige Grim-and-Gritty-Elemente aufnimmt (düsterer Weltenbau, viel Gewalt und politische Intrigen) und sich insbesondere von A Song of Ice and Fire inspirieren lässt. Typisch Williams ist dabei allerdings, dass er sich tatsächlich nur oberflächlicher Elemente bedient, um sie in seine eigene Erzählweise zu integieren, die bei aller Beeinflussung im Grunde immer der klassischen epischen Fantasy verpflichtet bleibt. Insofern ist meine – natürlich bewusst selektiv gehaltene – Inhaltsangabe auch kein Grund, den Zyklus von vornherein abzulehnen. Die Erzählung emanzipiert sich mit fortschreitender Seitenzahl zunehmend vom erdrückenden Vorbild.

Die Nähe zur klassischen High Fantasy zeigt sich in Shadowheart, dem vierten und abschließenden Band des Shadowmarch-Quartetts, deutlicher denn je: Zwar ist der größte Teil der Handlung mit rasanten Kämpfen angefüllt, die alle auf den einen großen Showdown hinauslaufen. Darauf folgt aber eine 120 Seiten umfassende Coda, die ruhig und melancholisch Abschied nimmt von den Charakteren, welche zuvor die Handlung temporeich vorantrieben. Die Bösen haben sich als böse erwiesen, die Guten als gut, die Überlebenden der epischen Auseinandersetzung müssen sich der mühsamen Aufgabe des Wiederaufbaus widmen und sich darüber klar werden, dass die einmal geschlagenen Wunden auch nach dem Ende des Kampfes nicht einfach verschwinden werden.

Insgesamt ist Shadowheart ein gelungener Abschlussband, der die Geschichte spannend und abwechslungsreich auf den Höhepunkt zutreiben lässt. Aber nicht nur der Plot, auch die Charakterzeichnungen weisen ungeahnte Höhen auf. Prinz Barrick etwa, der mir in den vorherigen Bänden fast nur auf die Nerven ging, entwickelt sich zu einer durchdachten und komplexen Gestalt. Prinzessin Briony besticht weiterhin als kämpferischer und intelligenter weiblicher Charakter, der Gender-Zumutungen aller Art wütend und erfolgreich zurückweist. Bekanntlich sind Heldinnen, die nicht entweder dem Klischee der höfischen Intrigantin oder dem der Kickass-Amazone entsprechen, in der gegenwärtigen epischen Fantasy noch immer eine Seltenheit. Da ist Williams wirklich etwas gelungen.

Leider gilt dies nicht für einige Nebenhandlungsstränge, die Williams nur aufzulösen vermag, in dem er völlig an den Haaren herbeigezogene Wendungen einbaut. Der Gott aus der Maschine lässt grüßen. Ärgerlicherweise tritt auch Williams’ Neigung, massenhaft Nebencharaktere mir nix, dir nix abkratzen zu lassen, damit eine zentrale Heldenfigur gerettet wird, wieder hervor. Solche Szenen enden unweigerlich damit, dass die Heldin oder der Held sich den Staub vom Ärmel klopft und weiterzieht, ohne noch einen Gedanken an die Ereignisse zu verschwenden. Man wird dadurch den Eindruck nicht los, dass Williams seine Nebencharaktere häufig ziemlich egal sind und er sie nur auf lieblose Weise ins Spiel bringt, um die Handlung voranzutreiben. Nicht gut.

Schade finde ich auch, dass die Handlung sich voll und ganz auf den Norden konzentriert. Von den Ereignissen in Hierosol erfährt man so gut wie nichts mehr. Dabei hatte Williams auch für diesen Handlungsstrang einige vielversprechende Charakter erschaffen, die nun einfach aus der Handlung verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen. Auf der anderen Seite gibt es Figuren wie den Hofnarr Puzzle, die beständig vorkommen, in diesem handlungsorientierten Zyklus aber rein gar keine Funktion erfüllen. Wahrscheinlich zeigen sich an solchen Punkten einfach die Folgen der verschiedenen Umarbeitungen, die Williams an Shadowmarch vorgenommen hat. Geplant war Shadowmarch bekanntlich, bevor es zum Romanzyklus wurde, zunächst als Fernsehserie und dann als Online-Fortsetzungsgeschichte. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Welt von Shadowmarch mit einigen Charakteren bevölkert ist, die für den Fortgang der Handlung im Endstadium des Projekts kaum mehr eine Rolle spielen. Schön ist das dennoch nicht.

Mein Resumé, den Gesamtzyklus betreffend, lautet also: Fast echt gut, aber nicht ganz, deshalb stellenweise nur ein bisschen gut. Fast immer aber spannend, außer im zweiten Band Shadowplay, was aber insbesondere in Shadowheart mehr als wett gemacht wird. Anzumerken bleibt noch, dass die britischen Trades von Orbit, in denen ich das Quartett überwiegend gelesen habe, eher schlecht lektoriert sind und manchmal sogar direkt sinnentstellende Fehler aufweisen. Cornelia Hohlfelder-von der Tanns deutsche Übersetzung ist dagegen sehr durchdacht und ausdrücklich zu würdigen, selbst wenn man mit einzelnen Entscheidungen, wie zum Beispiel der, die englischen fairies zu deutschen Elben zu machen, nicht einverstanden sein mag.

Shadowheart von Tad Williams (730 Seiten im Trade-Format) ist 2010 bei DAW (Vereinigte Staaten) und Orbit (Großbritannien) erschienen.

Nobeltolkien

Da gerade geleakt wurde, dass Tolkien 1961 auf der Liste der Literaturnobelpreiskandidat_innen stand, könnte sich eine interessante Auseinandersetzung zu den literarischen Qualitäten von Tolkiens Werk und ihrer Einordnung in die Literatur des 20. Jahrhunderts ergeben. Der OF Blog hat sich bereits geäußert und plant weitere Posts zum Thema. Auch John Rateliff, Herausgeber der History of the Hobbit, hat etwas dazu zu sagen. Der Guardian veranstaltet sogar eine Umfrage mit obligatorisch-falscher Namensschreibweise »Is JRR Tolkein’s prose Nobel prize-winning material?«, die noch einen Tag lang läuft. Also nix wie hin und geklickt!

Der Hintergrund: Das Nobelkomitee, das über die Preisvergabe entscheidet, hält seine Nominiertenlisten 50 Jahre unter Verschluss. Mit Ablauf des Jahres 2011 ist deshalb Einsicht in die Liste der 1961 Nominierten möglich. Darauf stehen neben Tolkien u.a. Tania Blixen (alias Isak Dinesen alias Karen Blixen), Lawrence Durrell, E.M. Forster, Graham Greene und Alberto Moravia. Eine illustre Gesellschaft also. Vorgeschlagen wurde Tolkien von seinem Freund C.S. Lewis, der als Literaturprofessor nominierungsberechtigt war. Interessant ist nun die Begründung, warum JRRT vom Komitee abgelehnt wurde: Tolkien, so das damalige Jurymitglied Anders Österling, »has not in any way measured up to storytelling of the highest quality«. Da kann man noch von Glück reden, denn wenigstens ist es JRRTs erzählerisches Können, das in Frage gestellt wurde. Zwei weitere Nominierte mussten sich damit zufrieden geben, aufgrund ihres hohen Alters übergangen zu werden,* während an Lawrence Durrell sogar bemängelt wurde, er sei auf monomanische Weise von erotischen Problemen besessen. Ans Licht gebracht wurde die Information von dem Journalisten Andreas Ekström, der sie recht beiläufig in der Tageszeitung Sydsvenskan veröffentlichte und die Nominierung Graham Greenes anscheinend für weitaus bemerkenswerter hält.

Übrigens: Den Preis erhielt der jugoslawische Schriftsteller Ivo Andrić.

* Dieses Vorurteil zumindest scheint das Nobelkomitee mittlerweile abgelegt zu haben, denn der Literaturnobelpreis der letzten Jahre, der mich am meisten gefreut hat, ging 2007 an die damals 87-jährige Doris Lessing.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.