Freitag, 31. Januar 2014

Neuzugänge

  • Dietmar Dath, Die Abschaffung der Arten
  • Umberto Eco, Nachschrift zum »Namen der Rose«
  • Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen (endlich eine eigene Ausgabe)
  • Barry Hughart, Meister Li und der Stein des Himmels(Krüger-Hardcover)
  • Stephen King, Der Buick
  • Joseph Sheridan Le Fanu, Maler Schalken und andere Geistergeschichten
  • Charles de Lint, Das verborgene Volk 
  • Herbert Rosendorfer, Die Nacht der Amazonen
  • Mary Stewart, Der Erbe
    Gekauft, ohne mich vorher schlauzumachen, ob man das auch ohne Kenntnis des vorangegangenen Bandes lesen kann. Kann man aber wohl.
  • Antal Szerb, Reise im Mondlicht

Donnerstag, 30. Januar 2014

Mythenreihe I

Mitte der 2000er Jahre startete die deutschsprachige Ausgabe der internationalen Mythenreihe. Das Projekt fand unter Beteiligung von über 30 Verlagen statt – oder findet es noch statt? Irgendwann hieß es mal, die Mythenreihe sei auf 10–15 Jahre angelegt. Mit A. S. Byatts Ragnarok: The End of the Gods erschien im Herbst 2011 der bislang letzte Eintrag. Das Prinzip der Reihe ist einfach erklärt: Klassische Mythen der Menschheit (wobei ein deutliches Übergewicht an europäischen Mythen besteht) werden von bedeutenden Autor_innen der Gegenwart in Form von Romanen und Novellen verarbeitet. In Deutschland ist die Mythenreihe beim Berlin Verlag und bei dtv erschienen. Ich habe den Entschluss gefasst, die bisher erschienenen Bücher nach und nach zu lesen und zu rezensieren. Hier geht es zur englischen Verlagsseite der Reihe.

Den Einstieg bildet ein Sachbuch von Karen Armstrong: Eine kurze Geschichte des Mythos. Die Autorin nennt fünf Merkmale von Mythen, die wohl als Definition dienen sollen:
  1. Mythen erwachsen aus der Erfahrung des Todes.
  2. Mythen sind mit Ritualen verbunden.
  3. Mythen handeln vom Unbekannten.
  4. Mythen werden nicht um ihrer selbst willen erzählt, sondern sagen uns, wie wir uns verhalten sollen.
  5. Jede Mythologie beruht auf dem Glauben, dass neben unserer Welt eine zweite, mächtigere, göttliche Realität existiert.
Damit ist von vornherein klar, dass Armstrong Mythen in einem engen Zusammenhang mit Religion sieht – wenn man nicht gleich schlussfolgern will, dass Mythen für sie das privilegierte Ausdrucksmittel von Religion sind, was durchaus naheliegt. Armstrongs Referenztheoretiker sind vor allem Mircea Eliade und Joseph Campbell, mit gelegentlichen Hinweisen auf Rudolf Otto und Walter Burkert. Von letzterem übernimmt sie die Nähe von Mythos und Ritual. Wer sich von Armstrong eine einführende Darstellung verschiedener Mythentheorien erhofft, wird allerdings enttäuscht werden. Der Titel des kurzen Bandes ist durchaus wörtlich zu nehmen: Armstrong erzählt die Geschichte des Mythos entlang von großen Etappen der Gesellschaftsbildung: Jäger_innen und Sammler_innen, Ackerbau, frühe Hochkulturen, Achsenzeit* und Neuzeit.

Der Ansatz ist durchaus interessant: Wie unterscheidet sich die Mythologie umherstreifender, vom Jagen und Sammeln lebender Menschen von der Mythologie in einer Ackerbaukultur? Welche Mythen bildeten sich in vorstaatlichen Gentilgesellschaften aus und welche in den Staaten der frühen Antike? Allerdings ist Armstrong der – schon im 5. Punkt ihrer Definition angelegten – Ansicht, dass Mythen bei allen geschichtlich bedingten Unterschieden eine »zeitlose Wahrheit« zum Ausdruck bringen. Während Mythen an die jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexte angepasst werden können, bleiben sie im Kern immer gleich. Das ist laut Armstrong notwendigerweise so, denn Menschen brauchen ihrer Auffassung nach Mythen, um ein sinnerfülltes Leben führen zu können.

Im Abschnitt über die Neuzeit wird deutlich, dass Armstrongs Kurze Geschichte des Mythos eine Verfallsgeschichte ist. Schon zu Beginn der Neuzeit sei es zu einem Verlust der mythischen Weltauffassung gekommen, die durch technisch-rationales Denken ersetzt worden sei. Letzteres sei aber nicht in der Lage, die Sinnstiftungsfunktion des Mythos zu übernehmen. Die Folgen sind laut Armstrong Entfremdung, Hilflosigkeit und Verzweiflung, die die Mentalität des modernen Menschen prägten. Abhilfe suche der Mensch in Ersatzmythen wie dem Hexenwahn des 16. und 17. Jahrhunderts, fundamentalistischer Bibelauslegung und »religiösen Kultfiguren« wie Elvis Presley und Prinzessin Diana. Diese Pseudomythen führen Armstrong zufolge bestenfalls zu passiver Kontemplation, schlimmstenfalls zu destruktiver Selbstüberhöhung bei gleichzeitiger Dämonisierung anderer Menschen. Allein die echten, vorneuzeitlichen Mythen, die Armstrong uneingeschränkt positiv sieht, vermögen dem Leben wirklich Sinn zu verleihen. Die Entfremdung vom mythischen Denken will die Autorin übrigens nicht auf die westliche Welt beschränkt sehen: »Eine ähnliche Anomie erleben wir gegenwärtig in Entwicklungsländern, die sich noch in den Frühstadien der Modernisierung befinden.« Die ›Entwicklungsländer‹ haben demzufolge also die letzten 500 Jahre, unbeeinflusst von Kolonialismus, Sklaverei und Ressourcenplünderung in einem mythischen Schlummer verbracht, aus dem sie erst jetzt, wenige Jahrzehnte nach der Entkolonisierung, erwachen und sich plötzlich in der selben Lage befinden wie die Industriestaaten des Nordens. Und so etwas versteht Armstrong unter Geschichtsschreibung.

Beklagt wird in Armstrongs Buch letztlich, dass die Religion die umfassende Deutungsmacht über die menschlichen Lebensumstände verloren hat. Am Ende ruft die Autorin zur »spirituellen Revolution« auf, die allein den Menschen aus seiner bedauerlich mythenlosen Lage retten könne. Ansätze dazu sieht sie ausgerechnet in der Art von Literatur, der dieses Blog gewidmet ist: »Magische Realisten – Jorge Luis Borges, Günter Grass, Italo Calvino, Angela Carter und Salman Rushdie – stellten die Hegemonie des Logos in Frage, indem sie Realistisches mit Unerklärlichem, Alltagsvernunft mit der mythischen Logik von Traum und Märchen kombinierten.« Ich muss sagen, ich bin nicht gerade erfreut, einige meiner Lieblingsautor_innen in der klebrigen Umarmung von Armstrongs New-Age-Botschaft wiederzufinden. Gegen so etwas hilft nur Walter Benjamins revolutionäre Einsicht, dass die menschenfreundliche, auf Glück zielende Logik des Märchens mit dem Mythos nicht etwa identisch ist, sondern vielmehr die Geschichte vom Sieg über die regressive Logik des Mythos erzählt.

Ragnarök. Das Schicksal der Götter von A.S. Byatt beginnt in der Sprache des Märchens:
Es lebte einmal ein dünnes Kind, ein Mädchen, das drei Jahre alt war, als der Weltkrieg begann. Es konnte sich daran erinnern, wenn auch nur vage, wie es in der Zeit vor dem Krieg gewesen war, als es, wie seine Mutter ihm oft erzählte, reichlich Honig und Sahne und Eier gab. Es war ein dünnes, kränkliches, knochiges Kind, wie ein Molch, mit feinem Haar wie sonnenheller Rauch. Die Erwachsenen sagten ihm, es solle dieses tun und jenes lassen, weil Krieg sei. Das Leben war ein Zustand, in dem Krieg war. [...] Ohne es zu wissen, empfand das dünne Kind Verzweiflung.
Allerdings kennt Byatts autobiographische Geschichte keinen ungetrübt glücklichen Ausgang. Nachdem sie die von Entbehrung geprägten Kriegsjahre mit ihrer Mutter auf dem Land verbracht hat, kehrt der Vater von der Front zurück. Die Mutter, die »im Krieg beherzt und erfinderisch gewesen war«, erlebt einen »Absturz in den Alltag«. Die Rückkehr des Vaters raubt der Mutter die Lebendigkeit; ihre eigene Rückkehr ist die in die Gefangenschaft des Hausfrauendaseins. Das dünne Kind, das die Verzweiflung des Krieges überstanden hat, wird nun von der Angst vor dieser Gefangenschaft verfolgt.

Was zwischen dem märchenartigen Anfang und dem unmärchenhaften Ausgang passiert, verrät mehr über die Macht des Mythos als alles, was Karen Armstrong über Sinnstiftung und zeitlose Wahrheiten schreiben könnte. Byatt schildert, wie unglaubwürdig der kirchliche Religionsunterricht, die Mythen des Christentums, ihr vorkamen: »Der Pfarrer sprach sanft und mild vom lieben Jesus, und das Kind kam sich ungezogen vor, weil es ihm nicht glaubte.« Als ihr ein Buch mit dem Titel Asgard and the Gods in die Hände fällt, eine Sammlung nordischer Göttersagen, findet sie darin ihre von der Religion nicht abgedeckte Welterfahrung zum Ausdruck gebracht, denn »Angst und Gefahr waren darin und Dinge, die außer Kontrolle geraten waren«. Wie Tolkien und Lewis, wie viele Engländer_innen im Zeitalter der Weltkriege zeigt Byatt sich fasziniert von den altskandinavischen Mythen, in denen die Göttinnen und Götter Asgards einen verzweifelten Abwehrkampf gegen den Ansturm der Jötunen führen, wohl wissend, dass am Ende Ragnarök steht, der Untergang der Götter und der Welt. Dass sie dennoch kämpfen, der unausweichlichen Niederlage zum Trotz, macht ihre Kraft aus.

Die Faszination für die nordischen Mythen ist keine Sache des Glaubens: »Im Gehen dachte das dünne Kind lange und angestrengt darüber nach, was es bedeutete zu glauben. Es glaubte die Geschichten in Asgard and the Gods nicht. Doch sie drehten sich wie Rauch in seinem Schädel und summten wie dunkle Bienen in einem Stock.« Dass die Nazis aus dem Mythos, vermittelt über Wagner, einen neuheidnischen Kult machen wollen, empfinden viele von Byatts Zeitgenoss_innen als Diebstahl: Die skandinavische Mythologie gehört nicht den Nazis, sie gehört den von den Nazis angegriffenen und unterjochten Ländern Nordeuropas, deren Abwehrkampf dem der Asen ähnelt.

Das dünne Kind lernt, dass die Wiederauferstehung von Menschen und Göttern auf dem grünen Idafeld wahrscheinlich nicht das ursprüngliche Ende des Mythos, sondern eine christliche Ergänzung darstellt. Und das originale Ende, das »alles bedeckende dunkle Gewässer« von Ragnarök erscheint ihm glaubwürdiger: »So funktionieren Mythen. Es sind Dinge, Wesen, Geschichten, die den Geist bevölkern. Sie können nicht erklärt werden und erklären nichts; es sind weder Glaubensbekenntnisse noch Allegorien.« Das Wissen um Ragnarök bleibt bestehen angesichts der Depression der Mutter, die durch das Ende des Krieges auf ihr Hausfrauendasein zurückgeworfen wurde, und der Angst der Tochter, eines Tages das gleiche Schicksal zu erleiden.

Im Nachwort schreibt Byatt:
[I]ch dachte immer an die Weisheit Ludwig Feuerbachs, jenes außerordentlich klugen Denkers, dem wir so viele Einsichten über Götter, Menschen und Moral verdanken. »Homo homini deus est«, schreibt er. Für ihn sind unsere Götter der Liebe, des Zorns, der Tapferkeit und des Erbarmens Projektionen menschlicher Eigenschaften, Konstruktionen des Bewusstseins unserer selbst. Er spricht über den fleischgewordenen Gott der Christenheit, einen Gott im Menschen, der für Feuerbach ein Mensch war, den man zum Gott machte. [...] Doch die nordischen Götter sind in ganz anderer Weise eigentümlich menschlich. [...] Sie wissen, dass Ragnarök kommen wird, und sind unfähig, sich vorzustellen, wie sie das Ende abwehren oder der Geschichte einen anderen Dreh geben könnten. Sie wissen, wie man tapfer stirbt, aber sie wissen nicht, wie man eine bessere Welt schafft.
Genau so wie die Eltern des dünnen Kindes nach dem Krieg nicht wussten, wie man eine bessere Welt schafft. Byatt berichtet in ihrem Nachwort, dass sie zunächst vorhatte, eine Nacherzählung des nordischen Mythos zu schreiben. Schnell wurde ihr aber klar, dass der Mythos für sie heute nicht mehr die gleiche Bedeutung haben konnte wie für ihr jüngeres Selbst, das dünne Kind. Sie entschied sich deshalb für die Form der autobiographischen Erzählung und schrieb nieder, unter welchen Umständen der Mythos für sie lebendig wurde. Damit hat Byatt Armstrong widerlegt: Der Mythos enthält keine ewigen Wahrheiten. Der Mythos gewinnt seine Wahrheit aus der Zeit und der Geschichte.

Zum Schluss kann ich nicht umhin, Byatt noch einmal zu Wort kommen zu lassen, und zwar zu dem oben bereits angesprochenen Unterschied von Mythen und Märchen:
Ich habe den nordischen Mythos von Ragnarök gewählt, weil ich durch die Erfahrung der wiederholten Lektüre von Asgard and the Gods in meiner Kindheit auch zum ersten Mal den Unterschied zwischen Mythos und Märchen erfahren habe. [...] Die Mythen gaben mir nicht dieselbe erzählerische Befriedigung wie Märchen, die mir Geschichten über Geschichten zu sein schienen, mit dem Zweck, ihren Lesern das Vergnügen des Wiedererkennens endlos wiederholter Variationen des immergleichen Erzählmusters zu verschaffen. Bei Märchen geht es – wenn man die blutige Gewalt und die schrecklichen Dinge akzeptiert, die den Bösen widerfahren – um einen ergötzlichen und befriedigenden vorhergesehenen Ausgang, die Guten leben weiter und vermehren sich, und die Bösen werden bestraft. Die Brüder Grimm glaubten, dass die von ihnen gesammelten Märchen die alte Volksreligion ihrer germanischen Vorfahren sei, aber es gibt einen Unterschied. [...] Mythen sind oft unbefriedigend, sie können sogar quälend sein. Sie verblüffen und verfolgen den Geist, der ihnen begegnet. Sie drücken verschiedenen Teilen der Welt in unseren Köpfen ihren Stempel auf, und das tun sie nicht, indem sie Vergnügen bereiten, sondern als Begegnungen mit dem Unbegreiflichen – dem Numinosen,** um ein Wort zu benutzen, das sehr in Mode war, als ich studierte. Die Märchengeschichten waren mir im Kopf wie kleine glänzende Ketten aus Steinen und geschnitzten Holz- und Emailperlen. Die Mythen waren höhlenartige Räume, ausgeleuchtet in extremen Farben, düster oder blendend hell, sie waren von wolkiger Dichte oder einer Art überheller Transparenz.

Eine kurze Geschichte des Mythos von Karen Armstrong (141 Seiten, Übersetzung: Ulrike Bischoff) erschien 2005 im Berlin Verlag. Ragnarök. Das Schicksal der Götter von A.S. Byatt (173 Seiten, Übersetzung: Susanne Röckel) erschien 2012 im gleichen Haus.

* Mit Achsenzeit meint der Philosoph Karl Jaspers, dass das etwa zeitgleiche Auftreten (ab 800 v. Chr.) der Propheten in Israel, der griechischen Philosophen, Buddhas und der Upanischaden in Indien, Konfuzius’ und Laotses in China und möglicherweise (da die Datierung seines Wirkens unklar ist) auch Zarathustras in Persien eine tiefgehende Wende in der Geschichte der Menschheit herbeigeführt habe.
** Das Numinose ist eine von dem Religionswissenschaftler Rudolf Otto eingeführte Kategorie, die zum Ausdruck bringen soll, dass die Erfahrung des Übernatürlichen bzw. des Heiligen auf den Menschen faszinierend und furchteinflößend zugleich wirkt.

Freitag, 17. Januar 2014

His head full of old lays

J.R.R. Tolkien galt lange Zeit als wenig produktiver Autor, und noch heute wird gelegentlich darauf hingewiesen, dass er bereits als junger Mann, noch vor dem Ersten Weltkrieg, zu schreiben begonnen hatte, sein erstes richtiges Buch aber erst Jahrzehnte später erschien, woraufhin es noch einmal siebzehn Jahre dauerte, bis der erste Band des Buches erschien, das ihn weltberühmt machte – allerdings auch erst etwa zehn Jahre nach seinem Erscheinen.

Nach Tolkiens Tod 1973 änderte sich das. 1975 erschienen seine Übersetzungen verschiedener mittelenglischer Verserzählungen. Sein Sohn Christopher gab 1977 The Silmarillion und 1980 Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth heraus und machte damit Tolkiens Legendarium bekannt, über dessen Inhalt und Gestalt zuvor die skurrilsten Hypothesen im Umlauf gewesen waren. Diese Veröffentlichungen wurden ergänzt durch die zwölfbändige History of Middle-earth, die während der achtziger und neunziger Jahre erschien. 1979 gab es erstmals einen Bildband, der sich Tolkiens Gemälden widmete. 1981 erschien eine von Humphrey Carpenter editierte Sammlung von Briefen Tolkiens, 1983 der Essayband The Monsters and the Critics. Daneben wurden zahlreiche kleinere Werke veröffentlicht, und seit dem Erfolg von Peter Jacksons Verfilmungen des Lord of the Rings erscheinen kontinuierlich neue Texte aus Tolkiens Nachlass und kritische Editionen bereits veröffentlichter Schriften. Das Bild des Autors Tolkien hat sich dadurch gewandelt – oder auch nicht: Die gemunkelte Behauptung, so viel könne Tolkien doch gar nicht geschrieben haben und seine Erben wollten durch die Veröffentlichung ihm untergeschobener Texte den Reibach machen, hat fast schon den Status einer modernen Sage erlangt (wenn auch nicht im gleichen Maße wie die beliebten Mutmaßungen über das Heer von Ghostwriter_innen, das angeblich J.K. Rowlings Harry-Potter-Saga geschrieben hat).

In diesem Post soll es darum gehen, was Tolkien denn nun zu seinen Lebzeiten publiziert hat, und ob es eigentlich eine zutreffende Behauptung ist, er habe nur nebenbei geschrieben und sei mehr aus Zufall zu einem veröffentlichten Schriftsteller geworden. Dazu ist es zunächst nötig, ein Klischee aus dem Weg zu räumen: Tolkien sei ein weltfremder Gelehrter gewesen, der sich in Oxford mit obskuren Wissensgebieten befasste und nur zu seinem privaten Vergnügen Geschichten niederschrieb, die er sich ausgedacht hatte, um sie seinen Kindern zu erzählen. Dabei handelt es sich um eine Art Gründungsmythos der modernen Fantasy; ein Gründungsmythos, der sich um so passender ausnimmt, da Tolkien, indem seine akademische Tätigkeit als zerstreute Beschäftigung mit ausgestorbenen Sprachen und unverständlichen alten Codices dargestellt wird, Züge von Figuren wie T.H. Whites Merlin oder dem Zauberer Dallben aus Lloyd Alexanders Chronicles of Prydain annimmt.

Diese Geschichte ist weitgehend Unsinn (wenn es sich auch um interessanten Unsinn handeln mag). Tatsache ist, dass Tolkien fast sein ganzes Leben lang an seiner Karriere als Schriftsteller arbeitete. Sein erste richtige Veröffentlichung war ein Gedicht, das 1913 im Stapeldon Magazine gedruckt wurde, und seine letzten Bücher erschienen 1967, sechs Jahre vor seinem Tod. Er schrieb, um publiziert zu werden, und reichte immer wieder Manuskripte bei Zeitschriften und Verlagen ein. Er war jedoch kein hauptberuflicher Schriftsteller, sondern war die längste Zeit seines Lebens als Hochschullehrer tätig. Deshalb konnte er es sich leisten, seine Texte mehrfach und über lange Zeiträume hinweg zu überarbeiten.

Was also hat Tolkien veröffentlicht? Vor allem natürlich akademische Fachartikel und Texteditionen. Daneben eine große Zahl von Gedichten, die verstreut in Zeitschriften und Anthologien erschienen. Beides will ich nicht eigens aufzählen, da es zu langwierig wäre. Humphrey Carpenters J.R.R. Tolkien: A Biography enthält eine ausführliche Bibliographie, und Wayne G. Hammond hat J.R.R. Tolkien: A Descriptive Bibliography zusammengestellt. Ich beschränke mich also auf vollständige Bücher, die Tolkien veröffentlicht hat.
  1. 1936 erschien Songs for the Philologists, auf dessen Titelblatt Tolkien und sein Freund E.V. Gordon als Verfasser angegeben waren. Es handelte sich um einen Privatdruck, der von einer Studierendengruppe am University College in London angefertigt worden war. Bereits zuvor hatte E.V. Gordon die Songs for the Philologists in Form von kopierten Schreibmaschinenseiten an der Universität Leeds verteilt, wo er in den zwanziger Jahren gemeinsam mit Tolkien lehrte. Durch A.H. Smith, einen ehemaligen Studenten Gordons, gelangte ein Exemplar der Typoskripte an die Londoner Studierenden, die es schließlich druckten. Da sie aber weder Tolkien noch Gordon um Erlaubnis gefragt hatten, gelangte die Druckversion nicht in den Umlauf, sondern wurde im University College eingelagert. Die meisten Exemplare wurden durch die deutschen Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs zerstört. Songs for the Philologists enthält 30 Lieder, von denen dreizehn von Tolkien stammen. Sie sind teils in Sprachen wie Angelsächsisch und Gotisch verfasst. Fünf von ihnen wurden später in posthume Editionen von Werken Tolkiens aufgenommen. Um ein richtiges Tolkienbuch handelt es sich hierbei noch nicht, da Tolkien kaum Einfluss auf seine Entstehung hatte und eine richtige Veröffentlichung letztlich ausblieb. Aber immerhin: ein Anfang.
  2. 1937 erschien The Hobbit or There and Back Again im Verlag Allen & Unwin. Dazu muss ich wohl nichts weiter sagen.
  3. 1949 folgte Farmer Giles of Ham, ein in einem imaginären englischen Mittelalter (»after the days of King Coel maybe, but before Arthur«) spielendes Märchen und Tolkiens komischstes Werk. In einer Lesung löste es beim Publikum solche Lachstürme aus, dass Tolkien über die unernste Rezeption fast schon wieder verärgert war. Die bereits 1937 niedergeschriebene Geschichte erschien mit Illustrationen von Pauline Baynes. Tolkien plante eine Fortsetzung, die leider nie vollendet wurde.
  4. 1954/55 erschien The Lord of the Rings, zu dem ich erst recht nichts weiter sagen muss.
  5. Tolkiens nächstes Buch war The Adventures of Tom Bombadil (1962), eine Sammlung von Gedichten, die eine Art Seitenstück zum Lord of the Rings darstellt (wie dieser werden die Adventures als Übersetzung aus dem »Roten Buch der Westmark« ausgegeben). Angeregt wurde die Veröffentlichung von Tolkiens Tante Jane Neave, die der Meinung war, eine solche Zusammenstellung würde eine schönes Weihnachtsgeschenk abgeben. In der Figur Tom Bombadils kommt Tolkiens fröhlich-anarchische Seite zum Vorschein, und es zeigt sich, dass besondere Momente seines Werks häufig dann entstanden, wenn er verschiedene Aspekte seines Schaffens kreativ miteinander vermischte: Bombadil war nicht als Teil des Legendariums angelegt, sondern stellte anfangs eine literarische Verkörperung der von Tolkien geliebten Landschaft Oxfordshires dar. In das Legendarium trat er durch den Lord of the Rings ein, und in den Adventures wurde er schließlich mit einer Art Hintergrundgeschichte ausgestattet. Der Band enthält aber auch ernste, elegische Gedichte wie »The Sea-Bell« und »The Last Ship«. Darüber hinaus zeigt er die Kontinuität in Tolkiens Schaffen auf: Eines der Gedichte, »The Stone Troll«, wird nicht nur in The Lord of the Rings von Sam Gamdschie rezitiert, es ist auch eine überarbeitete Fassung des bereits in den Songs for the Philologists abgedruckten »The Root of the Boot«. Wie der Farmer Giles erschienen die Adventures mit Illustrationen von Pauline Baynes.
  6. Von nun an zeichnet sich so etwas wie ein regelmäßiger Veröffentlichungsrhythmus ab, was vielleicht damit zusammenhängt, dass Tolkien 1959 emeritiert worden war und mehr Zeit hatte, seine Buch-Ideen zum Abschluss zu bringen.* 1964 erschien Tree and Leaf, eine Zusammenstellung zweier bereits an anderem Ort erschienener Texte, die sich in unterschiedlicher Weise mit Tolkiens Werk und seinen Voraussetzungen befassten. Der Essay »On Fairy-Stories« geht auf eine Vorlesung zurück, die Tolkien im Rahmen der Andrew Lang Lectures an der University of St Andrews in Schottland gehalten hatte. Andrew Lang (1844–1912) war ein schottischer Märchensammler und Schriftsteller, dessen Bedeutung auf den britischen Inseln der der Brüder Grimm in Deutschland gleichkommt. Die nach ihm benannte Vorlesungsreihe ist für die Geschichte der modernen Fantasy von einiger Bedeutung. 1932 hielt John Buchan** die Vorlesung, und 2012 (!) als erste Frau Jane Yolen.*** Es besteht einige Verwirrung bezüglich der Frage, in welchem Jahr Tolkien las. Die Einleitung von Tree and Leaf gibt 1938 als Jahreszahl an, während in der Sekundärliteratur meist 1939 genannt wird. Zu allem Überfluss findet sich in der Inklings-Festschrift Essays Presented to Charles Williams (1947), in der »On Fairy-Stories« erstmals gedruckt vorliegt, die Jahreszahl 1940. Die korrekte Datierung scheint 1939 zu sein. In Tree and Leaf erscheint der Aufsatz in einer geringfügig überarbeiteten Fassung.
    Der zweite Text des Bandes ist die allegorische Geschichte »Leaf by Niggle«, die vielleicht Tolkiens persönlichstes Werk darstellt. Sie handelt von den Schwierigkeiten des von Alltagspflichten und unsystematischer Arbeitsweise geplagten Künstlers, sein Werk fertigzustellen – in der Tat ist es wohl nicht zuviel gesagt, dass sie von Tolkiens Schwierigkeiten handelt, den Lord of the Rings und das Legendarium in Form zu bringen. »Leaf by Niggle« erschien zuerst 1945 in der Zeitschrift Dublin Review (auch hier herrscht Verwirrung bezüglich der Daten, denn die 1964er Einleitung gibt 1947 an). Über den inneren Zusammenhang der beiden Werke, des Essays und der allegorischen Geschichte, sagt Tolkien in der Einleitung:
    Though one is an “essay” and the other a “story”, they are related: by the symbols of Tree and Leaf, and by both touching in different ways on what is called in the essay “sub-creation.” Also they were written in the same period (1938–39), when The Lord of the Rings was beginning to unroll itself and to unfold prospects of labour and exploration in yet unknown country as daunting to me as to the hobbits. At about that time we head reached Bree, and I had no more notion than they had of what had become of Gandalf or who Strider was; and I had begun to despair of surviving to find out.
  7. Tolkiens am wenigsten bekannte Buchveröffentlichung, jedenfalls aus Sicht des europäischen Publikums, ist The Tolkien Reader aus dem Jahre 1966. Es handelt sich um eine nur in den USA verlegte Sammlung der zuvor einzeln in Buchform erschienenen kürzeren Werke Tolkiens: Tree and Leaf, Farmer Giles of Ham und The Adventures of Tom Bombadil. Ihnen vorangestellt sind »Tolkien’s Magic Ring« (eine von Peter S. Beagle verfasste Einleitung) und »The Homecoming of Beorhtnoth Beorhthelm’s Son«. Beagles Einleitung ist nicht weiter bemerkenswert (vielleicht bis auf die Tatsache, dass er enge Parallelen zwischen Beorn und Bombadil sieht). Sie richtet sich vor allem an Personen, die den Hobbit und den LotR noch nicht gelesen haben, und weist explizit darauf hin, dass nur eine der beiden US-Taschenbuchausgaben des LotR autorisiert ist.† Es ist schade, dass Beagle nicht verrät, wann er zum ersten Mal ein Buch von Tolkien gelesen hat, denn 1966 war er noch nicht der Autor von The Last Unicorn (dem vielleicht berühmtesten Werk der literarischen Fantasy im Zeitraum nach Tolkien und vor Rowling und Martin), sondern hatte gerade einmal seinen Debütroman A Fine and Private Place veröffentlicht. Später, nach dem Erfolg von Terry Brooks’ Sword of Shannara und anderen derivativen Werken, wurde Beagle zum wortgewaltigen Kritiker der post-tolkienischen, oft auch ›tolkienesk‹ genannten Fantasy, die immer wieder das Schema von auserwähltem Jüngling, magischem Mentor, Heldengruppe und Queste variierte.
    »The Homecoming of Beorhtnoth« ist Tolkiens einziger Versuch in der dramatischen Gattung. Er erschien – ungewöhnlich genug – ursprünglich 1953 in einem akademischen Jahrbuch, den Essays and Studies by Members of the English Association. Möglich wurde dies durch den Doppelcharakter des Werks. Der dramatische Hauptteil wird von zwei Essays gerahmt, die sich dem altenglischen Gedicht The Battle of Maldon widmen. Das fragmentarisch erhaltene Gedicht erzählt von dem fehlgeschlagenen Versuch eines angelsächsischen Heeres, im Jahre 991 eine Invasion von Wikingern aufzuhalten. Tolkien wäre nicht Tolkien, wenn sich nicht selbst die essayistische Einführung wie der Anfang einer Geschichte läse:
    In August of the year 991, in the reign of Æthelred II, a battle was fought near Maldon in Essex. On the one side was the defence-force of Essex, on the other a viking host that had ravaged Ipswich. The English were commanded by Beorhtnoth son of Beorhthelm, the duke of Essex, a man renowned in his day: powerful, fearless, proud. He was now old and hoar, but vigorous and valiant, and his white head towered high above other men, for he was exceedingly tall.
    Der angelsächsische Anführer, Beorhtnoth, gewährt den Wikingern Zugang zum Festland und damit einen entscheidenden Vorteil in der Schlacht. Beorhtnoths Heer wird geschlagen, er selbst findet den Tod. Ob seine heroische Geste als nachahmenswertes Beispiel oder als selbstmörderische Überheblichkeit interpretiert wird, hängt davon ab, welche Bedeutung man dem Wort ofermod zulegt (Tolkien schlägt ›overmastering pride‹ vor). Beorhtnoth ist für Tolkien der Inbegriff eines ritterlich-heroischen Anführers, der keine Rücksicht auf das Wohl seiner Gefolgsleute nimmt, wenn es Ruhm zu erringen gilt. Die Aufgabe des Dichters, der in Tolkiens Augen »above chivalry, or even heroism« steht, ist es, diese Haltung zu hinterfragen. Der dramatische Hauptteil von »The Homecoming of Beorhtnoth« besteht aus dem Gespräch zweier Männer, die nach der angelsächsischen Niederlage auf dem Schlachtfeld nach der Leiche des Anführers suchen. Während der jüngere Torhthelm ganz erfüllt ist vom heroischen Geist, sieht der ältere Tídwald die Dinge nüchterner und durchschaut die Motivation Beorhtnoths, der den Wikingern »needlessly noble« das Festland überlassen hat, »so keen was he to give minstrels matter for mighty songs«. Tolkien hatte detaillierte Vorstellungen, wie »The Homecoming of Beorhtnoth« inszeniert werden könnte, nämlich »as a recitation for two persons, two shapes in ›dim shadow‹, with the help of a few gleams of light and appropriate noises and a chant at the end«. Meines Wissens hat zu Tolkiens Lebzeiten nie eine Aufführung stattgefunden.††
  8. Smith of Wootton Major (1967), wiederum mit Illustrationen von Pauline Baynes, war Tolkiens nächstes Buch. Das Kunstmärchen, das der früheren Geschichte »Leaf by Niggle« thematisch nahe steht, hätte eigentlich das Vorwort einer neuen Ausgabe von George MacDonalds »The Golden Key« werden sollen. Wenn man Tolkien allerdings um die Verfertigung einer bestimmten Arbeit bat, kam es nicht selten vor, dass er am Ende etwas ganz anderes ablieferte. In diesem Fall wurde aus einem Vorwort eine von Rätselhaftigkeit und wehmütiger Stimmung geprägte Geschichte. Tom Shippey hat in überzeugender Weise eine allegorische Lesart für Smith of Wootton Major vorgeschlagen, womit das kurze Werk – vermutlich entgegen der Absicht seines Autors – in der Tradition der allegorischen Kunstmärchen von Goethe und Novalis zu stehen käme. Obwohl ich glaube, dass Shippey recht hat, gebe ich seine Interpretation hier nicht wieder. Die Geschichte, von Tolkien als »an old man’s book« bezeichnet, entfaltet ihren Zauber auch ohne Leseanleitung. 
  9. Zu guter Letzt ist The Road Goes Ever On: A Song Cycle zu nennen. Das Liederbuch erschien ebenfalls 1967 und war eine Gemeinschaftsarbeit von Tolkien (Texte) und Donald Swann (Noten). Wie der Komponist Swann mit Tolkiens Werk in Berührung kam, ist eine Geschichte für sich: 1949 bekam er Tolkiens Gedicht »Errantry« von einem Freund gezeigt. Swann war fasziniert von dem Reimschema, das Tolkien selber erfunden hatte, und dachte lange darüber nach, wie man es zu Musik machen könnte. Jahre später, nachdem Swann auf die Anregung seiner Frau hin zum begeisterten Leser des Lord of the Rings geworden war, fand er heraus, dass Tolkien der Autor auch von »Errantry« war.††† In der Folge vertonte Swann eine Reihe von Gedichten, die größtenteils aus dem LotR stammten. 1966 führte er auf Ediths und JRRTs Goldener Hochzeit seine Kompositionen mit Gesang von William Elvin (nomen est omen) auf. Im Jahr darauf wurde der Liederzyklus schließlich in Buchform veröffentlicht, mit einem Vorwort von Swann und einem Anhang von »Notes and Translations« von Tolkien selber. Der Anhang enthält Originaltexte, Übersetzungen und Erläuterungen zu den beiden elbischen Gedichten, die Swann verwendet hatte, »Namárië« und »A Elbereth Gilthoniel«. Im Zusammenhang mit der immer mal wieder aufflackernden Debatte, ob der Lord of the Rings (oder Tolkiens Sekundärwelt) Religion enthält, ist eine Bemerkung Tolkiens in diesem Anhang von Interesse:
    As a “divine” or “angelic” person Varda/Elbereth could be said to be “looking afar from heaven” [...] She was often thought of, or depicted, as standing on a great height looking towards Middle-earth, with eyes that penetrated the shadows, and listening to the cries for aid of Elves (and Men) in peril or grief. Frodo and Sam both invoke her in moments of extreme peril. The Elves sing hymns to her. (These and other references to religion in The Lord of the Rings are frequently overlooked.)
    The Road Goes Ever On wird abgerundet durch Randverzierungen von Tolkiens Hand und ein Faksimile des »Namárië«-Manuskripts, das Tolkien für die Übersetzung anfertigte.
Tolkien veröffentlichte also acht Bücher in einem Zeitraum von dreißig Jahren (Songs for the Philologists zähle ich an dieser Stelle nicht mit). Das ist nicht viel, aber auch nicht gerade wenig für jemanden, der eigentlich erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt der Schriftstellerei auch als Brotberuf nachging. Ein Ein-Buch-Autor im wörtlichen Sinne war Tolkien jedenfalls nicht. Und doch ist es verbreitet und üblich, Tolkien als solchen zu bezeichnen – oder als Zwei-Buch-Autor, wenn man geneigt ist, den Hobbit gelten zu lassen. Der Tolkienforscher Douglas A. Anderson etwa sagt kurz und bündig, verglichen mit dem Legendarium seien Tolkiens weitere Werke allesamt zweitrangig. Allerdings frage ich mich, ob nicht das Problem genau darin liegt, dass Tolkiens Gesamtwerk fast immer sub specie legendarii betrachtet wird.

Als der Lord of the Rings Mitte der 1960er Jahre zum Bestseller wurde, entstand ein zunächst schwer zu stillender Hunger nach mehr. Anekdotisch ausgedrückt wird dies durch die Frage des US-amerikanischen Verlegers des LotR, Ian Ballantine: »Well? Where’s the next classic trilogy?« Ballantine versuchte dem Hunger zunächst entgegenzukommen, indem er einige ältere Werke von Mervyn Peake, E.R. Eddison und David Lindsay wiederveröffentlichte, und rief schließlich die von Lin Carter herausgegebene Reihe Ballantine Adult Fantasy ins Leben, durch die zahlreiche vergessene Klassiker zu neuen Ehren kamen. Zugleich lieferte Carter mit seinen Sachbüchern Tolkien: A Look Behind “The Lord of the Rings” (1969) und Imaginary Worlds: The Art of Fantasy (1973) eine Art Blaupause für Autor_innen künftiger Fantasy, wie Carter sie sich vorstellte: »By fantasy I mean the tale of quest, adventure or war set in an invented age and worldscape of the author’s own imagination.«

Damit waren die Weichen gestellt. Fantasy, von Carter zum ersten Mal erfolgreich als Genre der populären Literatur definiert,‡ bedeutete von nun an eine durch möglichst detailliertes Worldbuilding ausgestaltete Sekundärwelt, in der sich eine Questehandlung abspielt, möglichst nach dem Vorbild von Tolkiens ›Trilogie‹ auf drei Bände verteilt. 1977 erschien bei Ballantine Books The Sword of Shannara von Terry Brooks. Ironischerweise wurde das Werk, das die Welle der Tolkien-Epigonen auslöste, wie sein großes Vorbild erst durch einen editorischen Zufall zur Trilogie: Die deutsche Ausgabe erschien bei Goldmann zunächst in drei Bände gesplittet. Ian Ballantine wirkte übrigens nicht mehr aktiv mit an der Publikation, die die Antwort auf seine Frage darstellte; Ballantine Books war bereits 1973 an Random House verkauft worden.

Die Sekundärwelt-, Queste- und Trilogienregel hat nicht nur Schund hervorgebracht, sondern kann auch auf solche Klassiker wie Patricia A. McKillips Riddle-Master-Trilogie verweisen. Es wäre sinnlos, die von Ballantine und Carter angestoßene Entwicklung zu verteufeln. Aber der Hunger der Fans nach mehr, den Carter mit seiner Rede von der »tale of quest [...] set in an invented age and worldscape of the author’s own imagination« auf eine griffige Formel brachte, bezog sich auf ganz bestimmte Dinge: mehr Weltrettungen, mehr magische Artefakte, mehr Karten, mehr Dunkle Herrscher. Tolkiens Gedichte, Liederzyklen, Kunstmärchen und Essays entsprachen diesen Erwartungen nicht oder nur ungenügend. Wenn Tolkiens Bedeutung heute fast ausschließlich im LotR und (zu einem geringeren Ausmaß) im Hobbit gesehen wird, ist dies in jedem Fall eine durch die eben skizzierte Wirkungsgeschichte geprägte Sicht. Vor diesem Hintergrund vermag es kaum zu überraschen, dass unter den posthum veröffentlichten Werken Tolkiens, vom Silmarillion bis zu den Children of Húrin, vor allem diejenigen Beachtung erfahren, die zum Legendarium gehören. Daran ist nichts auszusetzen, und es ist in gewissem Sinne sogar unvermeidlich. Der Vielfalt von Tolkiens zu Lebzeiten erschienenem Werk wird man damit aber nicht gerecht. Will man Tolkien, den Schrifsteller, wirklich kennenlernen, dann muss man zurückkehren zu Niggles Sorgen und zum Kleinen Königreich, zu Prentice Alf und der grünen Sonne von Faërie.

    * Tolkiens zentrales Problem als Schriftsteller war, dass er angefangene Manuskripte oft liegen ließ, sich mit anderen Schreibprojekten ablenkte oder umfangreiche Revisionen an bereits geschriebenem Material vornahm.
    ** John Buchan (1875–1940) ist vor allem als Erfinder des Spionageromans bekannt. Sein von Alfred Hitchcock verfilmter Roman The Thirty-Nine Steps (1915) gilt als der erste Agententhriller. Buchan schrieb jedoch auch eine Reihe von Fantasygeschichten, die posthum in dem Band The Far Islands and Other Tales of Fantasy (1984) veröffentlicht wurden. 
    *** Yolen weist ganz zu recht darauf hin, dass Langs berühmte Märchensammlungen, die Colored Fairy Books, unter der (häufig unerwähnt bleibenden) Mitarbeit seiner Frau Leonora Blanche Alleyne Lang entstanden. Und nicht nur Jane Yolen, auch Terri Windling (oder Angela Carter vor ihrem Tod) wüsste sicherlich Hervorragendes zu sagen, ließe man sie eine Andrew Lang Lecture halten. 
    † Im Sommer 1965 erschien in den USA eine Taschenbuchausgabe des Lord of the Rings bei Ace Books, die nicht autorisiert war. Tolkien erhielt keine Tantiemen aus den Verkäufen. Später im gleichen Jahr erschien eine autorisierte Taschenbuchausgabe bei Ballantine Books, dem gleichen Verlag, der auch den Tolkien Reader herausgab. Die autorisierte Ausgabe hatte allerdings den Nachteil, dass sie teurer war. Tolkien verlegte sich darauf, in Antworten auf US-amerikanische Fanpost stets darauf hinzuweisen, dass die Ace-Ausgabe einen Betrug am Autor darstellte. Dieses Vorgehen erwies sich als voller Erfolg, denn die US-Fans schafften es, die Öffentlichkeit zu mobilisieren und Druck auf den Buchhandel auszuüben, und bald überstiegen die Verkäufe der autorisierten Ausgabe die der Ace-Ausgabe um das zehnfache.
    †† Es gab allerdings eine von der BBC gesendete Hörspielfassung, die Tolkien überhaupt nicht gefiel.
    ††† »Errantry« erschien zuerst 1933 im Oxford Magazine und wurde später in die Adventures of Tom Bombadil aufgenommen.
    ‡ Drei Jahrzehnte früher hatte der einflussreiche Herausgeber John W. Campbell mit dem Magazin Unknown bereits einen Versuch unternommen, Fantasy als populäres Genre zu etablieren. Campbell bevorzugte Geschichten mit magischen/übernatürlichen Geschehnissen, die sich im Hier und Jetzt abspielen und im Idealfall eine ›rationale‹ Erklärung für die übernatürlichen Ereignisse bieten (indem z.B. Vampirismus als Wirkung eines Krankheitserregers ausgegeben wird). Ray Bradbury, Fritz Leiber und Richard Matheson waren von dieser Fantasy-Tradition geprägte Schriftsteller. Am wirkmächtigsten dürften Campbells Ideen aber in der Fernsehserie The Twilight Zone verwirklicht worden sein. Aufgrund von Carters Neuansatz verschwand die von Campbell begründete Tradition ab der zweiten Hälfte der sechziger Jahre in der Versenkung, nur um in den Achtzigern unter dem Namen Urban Fantasy wieder aufzutauchen.

    Mittwoch, 15. Januar 2014

    Neuzugänge

    • A.N. Afanasjew, Russische Volksmärchen
      Ein Auswahlband, ins Deutsche übertragen von Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier.
    • Kingsley Amis, Der grüne Mann
    • Peter S. Beagle, Das Volk der Lüfte 
    • Ders. (Hg.), The Secret History of Fantasy
    • Umberto Eco, Platon im Striptease-Lokal. Parodien und Travestien
    • Wilhelm Hauff, Märchen (zwei Insel-Bände im Schuber)
    • Charles Perrault, Sämtliche Märchen
    • Jean Ray, Malpertuis
    • Gustav Schwab, Sagen des klassischen Altertums (Insel-Ausgabe)
    • Taiye Selasi, Ghana Must Go

    Foto-Disclaimer

    Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.