Dienstag, 6. Juni 2017

Lest alte Fantasy: The Frozen Deep

Die Franklin-Expedition ist ein moderner Mythos, der mich schon lang fasziniert. In der phantastischen Literatur hat er nicht erst seit Dan Simmons’ hochspannendem Roman The Terror (2007) Spuren hinterlassen. Schon 1856 schrieb Wilkie Collins (unter tatkräftiger Mithilfe seines Freundes Charles Dickens) das Theaterstück The Frozen Deep über eine fiktive Arktis-Expedition, in der das zeitgenössische Publikum ohne weitere Umstände die katastrophale Unternehmung Sir John Franklins erkennen konnte. Am 4. Juli 1857 wurde das Stück in London aufgeführt, wobei Dickens persönlich die Rolle des Antihelden übernahm. Unter den Gästen waren Königin Victoria, Prinzgemahl Albert, König Leopold von Belgien, der zukünftige Deutsche Kaiser Friedrich III. sowie William Makepace Thackeray und Hans Christian Andersen. Ein so prominentes Publikum ist nicht weiter überraschend, wenn man sich vor Augen hält, dass die Inszenierung von The Frozen Deep der Höhepunkt einer von Dickens orchestrierten Propaganda-Kampagne war.

Frederic Edwin Church, The Icebergs (1861)

Worum ging es? Ich zeichne hier nicht den genauen Verlauf der Franklin-Expedition nach, da sowohl die deutsche als auch die englische Wikipedia darüber informieren. Nur so viel: Ziel der Expedition, die 1845 mit den Schiffen Erebus und Terror (nomina sunt omina, im Mythos jedenfalls) aufbrach, war die Entdeckung der Nordwestpassage. Die Expedition verbrachte zwei Winter im arktischen Eis und musste feststellen, dass sie kein eisfreies Fahrwasser für die beiden Schiffe mehr bekommen würde. Die Lebensmittel wurden knapp. Nach dem Tod Sir John Franklins und anderer Expeditionsmitglieder versuchten die Überlebenden, Boote zu Schlitten umzubauen und zu Fuß auf das kanadische Festland zu gelangen. Wahrscheinlich hat keines der 129 Expeditionsmitglieder überlebt.

Für das Scheitern der Expedition gibt es vor allem zwei Gründe. Der eine ist die atemberaubende viktorianische Arroganz, mit der die Expedition geplant und vorbereitet wurde. Man ging einfach davon aus, dass die europäische Zivilisation sich auch in den unwegsamsten Weltgegenden als überlegen erweisen werde. Unter den teilnehmenden Offizieren waren nur drei, die Arktis-Erfahrungen besaßen: Sir John selbst, der zuvor Vermessungsexpeditionen an der kanadischen Nordküste befehligt hatte, Captain Francis Crozier, der die Terror kommandierte, und Lieutenant Graham Gore, der Erste Offizier der Erebus. Crozier kannte sich mit Abstand am besten in der Arktis aus. Sir John war 1845 schon seit über 20 Jahren nicht mehr in der Nordpolarregion gewesen, und bereits seine erste Expedition in Kanada war desaströs verlaufen. Aber Crozier war Ire, weshalb die britische Admiralität Sir John den Oberbefehl über das Unternehmen gab. In der Konsequenz bedeutete das auch, dass es keine Expeditionsteilnehmer gab, die Erfahrung mit der Jagd auf arktische Fauna hatten. Das hielt man nicht für nötig. Statt dessen schleppten die beiden Schiffe Konservennahrung für über 100 Personen mit. Die Konserven dürften spätestens nach dem ersten Jahr im Eis zum größten Teil vergammelt sein, da sie mit wenig funktionalen Bleilötungen verschlossen worden waren.* Einige weitere naheliegende Dinge, auf die bei der Vorbereitung und Durchführung der Expedition offenbar niemand kam:
  • Die Schiffe hatten keine Schlitten an Bord. Als die Erebus und die Terror aufgegeben werden mussten, versuchten die Überlebenden, die Beiboote der Schiffe als Schlitten zu benutzen. Die schweren Boote über das Eis zu ziehen, muss für die halbverhungerten Mannschaften eine unglaubliche Strapaze gewesen sein.
  • Es wurden keine Zwischenlager mit Nahrungsvorräten angelegt, zu denen man im Notfall hätte zurückkehren können.
  • Die Expedition hinterließ kaum schriftliche Nachrichten über ihre Route, die eventuellen Rettungsmissionen die Suche erleichtert hätte. Nach dem schrecklichen Ende der Expedition wurde ein einziges ausführlicheres Schriftstück mit Nachrichten gefunden, dessen Text aber stellenweise so wirr ist, dass die Expeditionsmitglieder zum Zeitpunkt der Abfassung wahrscheinlich schon halb wahnsinnig vor Angst und Entbehrungen waren. 
Der andere Grund für das Scheitern ist in den bizarren Theorien zu sehen, die die britische Admiralität sich über die Arktis zurechtgesponnen hatte. Genauer gesagt handelt es sich um ein Lehrstück dafür, wie man aus empirischen Beobachtungen völlig falsche Schlüsse ziehen kann. Es waren vor allem zwei Beobachtungen, an denen sich die Phantasie der viktorianischen Polarforscher entzündete:
  • Festes Eis bildet sich vor allem in Küstennähe.
  • Treibeis bewegt sich von Norden kommend in südliche Richtung.
Aus der ersten Beobachtung folgerte man, dass sich auf großen offenen Gewässern kein fester Eisschild bilden kann. Aus der zweiten Beobachtung zog man den Schluss, es müsse in Polnähe wärmer sein sein als in Grönland und im Norden Kanadas. (Man ging davon aus, dass das Treibeis von wärmeren in kältere Gegenden driftete.) So entstand die fatale Überzeugung, dass sich am Nordpol ein warmes, offenes Meer befände. Eine Expedition müsse nur weit genug nach Norden gelangen, um in eisfreies Gewässer vorzustoßen und von dort aus in den Pazifik zu gelangen. In Wirklichkeit handelte es sich um ein todsicheres Rezept, mit dem Schiff im Eis einzufrieren und nie wieder freizukommen. Genau das war das Schicksal der Franklin-Expedition. Niemand in der Admiralität konnte sich vorstellen, dass der Nordpol von einem riesigen Eispanzer bedeckt war, von dem sich das Treibeis im Sommer löste, um im Winter zur tödlichen Falle für Schiffe zu werden.

Nachdem die Expedition aufgebrochen war, dauerte es einige Jahre lang, bevor man in England begann, sich Sorgen zu machen. Es war normal, dass Arktis-Expeditionen zwei oder drei Jahre unterwegs waren. Irgendwann begann man dann doch, Suchexpeditionen auszusenden, woraus sich schließlich die größte Rettungsmission des 19. Jahrhunderts entwickelte. Aber erst 1854 stieß John Rae, ein Angestellter der Handelsgesellschaft Hudson’s Bay Company, auf Hinweise über das Schicksal von Sir John und seinen Leuten. Rae hatte Gegenstände, die zu der Expedition gehörten, im Besitz von Inuit gesehen. Er begann, diese Gegenstände systematisch aufzukaufen und ihre Herkunft zu ermitteln. Inuit erzählten ihm, vor Jahren sei eine Gruppe weiße Männer zu Fuß nach Süden gezogen. Die Weißen seien später verhungert oder erfroren; bei ihren Leichen hätten die Inuit Behältnisse voller gekochtes Menschenfleisch gefunden.

Edwin Henry Landseer, Man Proposes, God Disposes (1864)

Rae übermittelte diese schockierenden Erkenntnisse so schnell wie möglich der Admiralität. Er ging davon aus, die englische Öffentlichkeit werde die schreckliche Wahrheit der Unsicherheit vorziehen. Damit irrte er sich gewaltig. Die Öffentlichkeit wollte keine Geschichte über Scheitern, Tod und Kannibalismus. Der britische Anspruch auf Weltherrschaft gründete sich auf den Glauben an den Heroismus von Unternehmungen wie Sir Johns Versuch, die Nordwestpassage zu finden. Lady Jane Franklin versicherte, ihr verschollener Ehemann sei »clean, Christian and genteel« und werde niemals zulassen, dass seine Männer zu Kannibalen würden.** Der Öffentlichkeit fiel es nicht schwer, für Lady Jane und gegen Rae Partei zu ergreifen. Die Presse überschüttete Rae kübelweise mit Schmutz. Vor allem wurde ihm vorgeworfen, sich auf die Zeugnisse von Inuit verlassen zu haben, die doch unzivilisiert und von Natur aus nicht in der Lage seien, die Wahrheit zu sagen. Zudem war Rae Schotte, was bedeutete, dass er in englischen Augen selbst nur halb zivilisiert war.

Hier kommt Dickens ins Spiel. Er war ein Wortführer unter denjenigen, die auf Seiten Lady Janes die Ehre der Franklin-Expedition verteidigen wollten. Dabei hat der alte Charles sich – gelinde gesagt – nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Er veröffentlichte eine wahre Hetztirade gegen die Inuit, die grausam und verlogen seien und die hungernd umherirrenden Expeditionsmitglieder wahrscheinlich selber umgebracht hätten. Vor diesem Hintergrund regte Dickens seinen Freund Collins an, ein Stück über die Franklin-Expedition zu schreiben, dessen propagandistischer Erfolg (angesichts des blaublütigen Publikums) wohl außer Frage steht.

Wilkie Collins schrieb das Stück anschließend zu einer Novelle um (erhältlich auf Project Gutenberg) und veröffentlichte sie in Buchform. Ich vermute, dass er dabei nur wenige Details verändert hat. Zum Inhalt und seinen historischen Hintergründen: Die beiden Schiffe der Expedition wurden von Collins und Dickens auf die harmloseren Namen Wanderer und Sea-mew (Seemöwe) umgetauft. Ihre beiden Kommandanten tragen die nordisch bzw. angelsächsisch klingenden Namen Helding und Ebsworth und sind so als tadellose englische Helden gekennzeichnet, ohne jeden schottisch-irischen Makel. Während Ebsworth keine große Rolle spielt,*** ist die Person John Franklins gewissermaßen auf zwei Figuren aufgeteilt: Die eine ist Captain Helding, die andere sein Erster Offizier, Lieutenant William Crayford. Francis Crozier, der zweite Schiffskommandant der historischen Expedition, wird in der Figur des Frank Aldersley wiedergegeben, eines Leutnants auf der Sea-mew. Crayford und seine Frau Lucy (= Lady Jane) haben ein Mündel, die Waise Clara Burnham. Clara ist mit Lieutenant Aldersley verlobt. Ihr historisches Vorbild ist Sophia Cracroft, eine Nichte Sir Johns, die von Captain Crozier umworben wurde, seine Liebe allerdings nicht erwiderte. Eine Heirat zwischen den beiden wäre als nicht standesgemäß angesehen worden. Collins und Dickens umgehen dieses Problem, indem sie Clara Burnham zur Waisen machen.

Lucy Crayford und Clara Burnham könnten also hoffnungsfroh auf die Rückkehr ihres Gatten bzw. Verlobten warten, gäbe es da nicht zwei kleine Probleme. Das eine ist Richard Wardour, der überzeugt ist, er sei der Verlobte von Miss Clara. Zwar hat er ihr nie einen Antrag gemacht, aber da er und Clara miteinander aufgewachsen sind, glaubt er, ein natürliches Anrecht auf sie zu haben. Als Wardour, der ebenfalls Offizier der Royal Navy ist, von Claras und Franks Verlobung erfährt, schließt er sich in letzter Minute der Expedition an, um seinen Nebenbuhler unterwegs verschwinden zu lassen. Von diesem Moment an bangt Clara um das Leben ihres Geliebten. Und das zweite Problem: Clara stammt aus den schottischen Highlands und verfügt über das Zweite Gesicht.† Diese Gabe lässt sie immer wieder visionäre Eindrücke vom Verlauf der Expedition sehen, aber leider nur auf bruchstückhafte und daher missverständliche Weise. Clara neigt deshalb dazu, in Bezug auf die Expedition das Schlimmste zu erwarten und wird immer melancholischer.

Man beachte die Verschiebung, die Collins und Dickens hier vorgenommen haben: In der realen Geschichte ist es der Schotte John Rae, der die Nachricht vom schlimmen Ende der Expedition bringt. Diese Nachricht, obwohl niemand sie hören wollte, bestätigte sich, und widerwillig erkannte die Admiralität Rae die Hälfte des Preisgelds zu, das sie für Hinweise auf den Verbleib Sir Johns und seiner Mannschaften ausgeschrieben hatte. In Collins’ und Dickens’ Geschichte ist es Clara Burnhams ›schottische‹ Gabe, die falsche Nachricht vom schlimmen Ende der Expedition bringt. Indirekt wird damit gesagt, dass man sich auf einen abergläubischen Schotten, der finstere Geschichten von Tod und Kannibalismus im ewigen Eis erzählt, nicht verlassen sollte.

Und wie liest sich das? Leider nicht sehr gut. Man merkt der Novelle an, dass sie als Theaterstück konzipiert wurde. Die erhabene arktische Landschaft, aus der erst die Atmosphäre für solche Erzählungen entsteht, wird auf eine Art und Weise beschrieben, die stets nur an eine Theaterkulisse denken lässt – kein Vergleich mit den zu gleicher Zeit entstandenen Gemälden des sogenannten Arctic Sublime. Hier wurde eine echte Gelegenheit verpasst. Zudem hat mich die Anwesenheit eines Buffoon-Charakters irritiert, der für ein Bühnenstück angemessen sein mag, in einer Novelle aber völlig deplatziert wirkt. Die einzige wirklich interessante Figur ist Richard Wardour, der als düsterer, egomanischer Grübler und Einzelgänger ein typischer später gothic hero ist. Nein, lesenswert im Sinne guter Literatur (oder auch guter schlechter Literatur) ist das nicht. Geschrieben und inszeniert wurde The Frozen Deep einzig aus dem Grund, einige viktorianische Illusionen aufrecht zu erhalten.

Für lesenswert halte ich den Text trotzdem, aus historischen Gründen. Die englische abenteuerlich-phantastische Literatur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts spielt sich durchgehend vor dem Hintergrund des British Empire ab, und zwar so sehr, dass man sie geradezu unter als ›Fantasies of Empire‹ bezeichnen könnte. Ob sie nach König Salomos Diamanten suchen, auf südamerikanischen Tafelbergen Dinosaurier entdecken oder in der Hauptstadt des Weltreichs selbst Jagd auf einen wolllüstigen orientalischen Blutsauger machen – stets wird wie selbstverständlich vorausgesetzt, das die Welt den englischen Gentlemen gehört. H. Rider Haggard wie Arthur Conan Doyle, John Buchan und Bram Stoker, Sax Rohmer und Dennis Wheatley vermitteln gleichermaßen den Eindruck, Großbritannien hätte sich allein aus einer Mischung aus Langeweile und Großmut heraus ein Imperium unterworfen und ginge jetzt der halb lästigen, halb amüsanten Pflicht nach, die letzten Winkel des Riesenreichs zu besichtigen und zu befrieden. Mit Hilfe eines Begriffs von John Clute könnte man die Funktion des Empires für diese Texte als playground bezeichnen, also als »a set of related ideas or concepts which are open to the fantasy-creator to romp in«, wie es in der Encyclopedia of Fantasy heißt. Innerhalb dieses playgrounds bedeutet Großbritannien soviel wie Zivilisation, während verschiedene magische oder atavistische Gefahren für die Bedrohung des von der britischen Herrschaft ausgehenden Fortschritts stehen. Eine davon abweichende, ambivalentere Darstellung des Kolonialismus findet sich innerhalb dieser Gruppe von Autor_innen eigentlich nur bei Robert Louis Stevenson und Rudyard Kipling. Insbesondere Kipling beschreibt ebenso ungeschönt wie unbekümmert die Gier und Brutalität der kolonialen Parvenüs, lässt dabei aber niemals vergessen, dass er sie für durchaus selbstverständlich hält und keinesfalls ablehnt. (Man vergleiche die höchst unterschiedliche Behandlung des Lost-Race-Motivs bei H. Rider Haggard und in Kiplings »Man Who Would Be King«.)

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung ist es dann doch sehr interessant zu sehen, wie durchsichtig und hilflos Collins’ und Dickens’ früher Versuch wirkt, den britischen Kolonialismus im abenteuerlich-phantastischen Medium zu verherrlichen. Die spätere imperiale Selbstsicherheit gegenüber den »new-caught, sullen peoples« geht The Frozen Deep noch weitgehend ab. Auf dem Andenken von Dickens, dessen großes Verdienst es doch war, das Leben der Armen und Ausgebeuteten als Thema der Literatur zu etablieren, bleiben Text und Kampagne zudem ein hässlicher Schandfleck.

Caspar David Friedrich, Das Eismeer (1823/24)

Bildquelle: Wikimedia Commons

* Es wird angenommen, dass der ständige Kontakt mit Blei den Verzehr dieser Nahrung zu einer extrem gesundheitsschädlichen Sache machte. Möglicherweise sind einige Expeditionsteilnehmer an Bleivergiftung gestorben.
** Diese Haltung kann nur als willentliche Ignoranz betrachtet werden. Schon Sir Johns erste Expedition an der Nordküste Kanadas hatte mit dem Tod über der Hälfte der Teilnehmer geendet. Die Opfer waren teilweise von ihren Kameraden umgebracht und aufgefressen worden. Verständlich wird Lady Janes Haltung dann, wenn man bedenkt, dass sie wahrscheinlich die gesellschaftliche Isolation fürchtete, die unweigerlich folgen würde, wenn Sir Johns verlorene Expedition zum Skandal würde.
*** Sein historisches Gegenstück ist Captain James Fitzjames, der Kommandant der Erebus.
† An dà sealladh oder das Zweite Gesicht bezeichnet die Fähigkeit, unfreiwillig zukünftige oder weit entfernt stattfindende Ereignisse ›sehen‹ zu können.

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Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.